+
Der „Garten der Gerechten“ in der Gedenkstätte Yad Vashem.

Yad Vashem

Die Suche nach dem Baum in Yad Vashem

  • schließen

Es bliebe keine Hoffnung, wenn es in Yad Vashem nicht auch die Tafel der Retter gäbe.

Die Hänge rund um das zentrale Gebäude von Yad Vashem sind ziemlich steil. Das liegt daran, dass auch dieser Hügel in Jerusalem felsigen Grund hat. Will ein Besucher der Gedenkstätte für die Opfer der Shoa nicht nur die Ausstellung sehen, sondern auch das Gelände, braucht er gute Schuhe.

Ich war vor Kurzem wieder dort. Eine Freundin, die zuvor noch nie in Israel war, wollte die Gedenkstätte sehen. Sie ging allein hinein. Ich hatte die Ausstellung gesehen und konnte die Eindrücke nicht ein weiteres Mal ertragen. Sie sind mit blutiger Gewalt, mit kreischender Panik, die nur den Tod bedeuten kann, in meine Erinnerung eingemeißelt. Auch mein Großvater musste diesen Weg gehen, bevor er das Gas einatmete. Seine kleinen Kinder. Seine Frau. Manchmal habe ich Mühe, mir nicht vorzustellen, wie es klang, wie es roch, wie es sich anfühlte und was am Ende geschah. Deshalb blieb ich dieses Mal draußen.

Vor einigen Tagen stand ganz Israel für zwei Minuten still. Am Gedenktag für die Opfer der Shoa heulen jedes Jahr die Sirenen auf. Und egal, wo die Menschen gerade sind und was sie tun, sie bleiben stehen. Auf den Straßen und Autobahnen stoppt der Verkehr. Die Menschen steigen aus den Autos, senken den Kopf und gedenken für zwei Minuten der Toten.

Dies zwei Minuten sind ein Platz in der Zeit, ein Augenblick im Alltag. Sie sind eine einfache und berührende Art der Trauer. Jedes Mal, wenn ich das erlebe, wünsche ich mir, dieses Ritual würde in Deutschland stattfinden. Zu Ehren der ermordeten Nachbarn, zur Erinnerung an die Juden Europas, deren Vernichtung durch Deutschland geplant und vollzogen wurde. Vielleicht bräuchte es dann weniger Antisemitismusbeauftragte.

Meine Schuhe taugten für das steinige Gelände in Yad-Vashem und ich begann, auf den abschüssigen Hügeln einen bestimmten Baum zu suchen. Dieser Baum wurde gepflanzt im Andenken eine Familie in Havelberg, die meinen anderen Großvater und seine Familie gerettet hatte.

Für die Hagemanns, fromme Katholiken, war es selbstverständlich meinem Großvater, seiner Frau und deren Tochter zu helfen. Sie nahmen sie bei sich auf, der Gefahr zum Trotz. Alle Hagemanns schützten sie. Das Ehepaar, ihre Geschwister, die sechs Kinder. Niemand hat sie verraten.

Als meine Freundin später aus der Ausstellung kam hatte ich den Baum nicht gefunden, den Namen der Familie Hagemann aber schon. Er stand eingemeißelt auf einer Tafel, die alle Retter aufführt. Gebe es nicht auch diesen Teil der eingemeißelten Erinnerungen, neben der, an die mit barbarischer Kälte Ermordeten, bliebe keine Hoffnung.

Gerade wird Israel von der Hamas mit Raketen beschossen. Bisher sind es 430. Die Schulen und Unis sind geschlossen. Meine Familie im Süden hatte 90 Sekunden Zeit, den Schutzraum aufzusuchen. Die Tochter wollte sich gerade in der Dusche die Haare waschen und musste mit Schaum auf dem Kopf in den Bunker.

Israels Existenzrecht heute zu bestreiten, es einseitig für alles und jedes zu beschuldigen, die lange Tradition seiner Dämonisierung fortzusetzen, die es schon gab, als die Ministerpräsidenten noch Sozialdemokraten waren, ist schäbig und antisemitisch. Alle Deutschen können sich heute frei entscheiden – gerade am Beispiel Israel – ob sie für die Geschichte der mit kaltem Blut Ermordeten stehen oder für die der Gerettenten, dem Mainstream zum Trotz.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare