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US-Wahl 2020: Donald Trump im Angesicht der Niederlage - die Empörung nicht wert

  • Daniel Dillmann
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US-Präsident Donald Trump will die US-Wahl vor der Auszählung aller Stimmen stoppen lassen. Am liebsten gleich durch den Supreme Court. Das ist Unsinn. Ein Kommentar.

  • US-Wahl 2020: Bei den Präsidentschaftswahlen zwischen Donald Trump und Herausforderer Joe Biden deutet sich ein Sieger an. Der demokratische Herausforderer liegt eindeutig in Führung.
  • Donald Trump will die Zählung der Briefwahlstimmen verhindern und droht mit dem Supreme Court. Doch diese Drohung ist inhaltsleer.
  • Die US-Wahl ist längst nicht vorbei: Der aktuelle Stand zur Wahl, die Ergebnisse, alle Infos und Neuigkeiten auf unserer Themenseite: News zur US-Wahl.

Washington - Donald Trump hat es also wirklich getan. Der amtierende US-Präsident hat seine vor langer Zeit formulierte Drohung wahrgemacht. Er hat sich zum Wahlsieger über Joe Biden erklärt und angekündigt, er werde die Auszählung der Briefwahlstimmen notfalls durch den Supreme Court stoppen lassen.

Donald Trump fühlt sich sicher, dass die Obersten Richterinnen und Richter auf seiner Seite sind, hat er mit Brett Kavanaugh, Amy Coney Barrett doch zwei von ihnen erst kürzlich und mit Neil Gorsuch einen dritten persönlich ernannt. Zudem wirkt seine Attacke auf die Briefwahl seit langer Hand geplant, wahrscheinlich als Strategie für den Wahlkampf seit langem von einem Thinktank der Republikaner entwickelt worden.

Die Besetzung des Supreme Court
NameAlterBerufen von
John Roberts65 Jahre (27. Januar 1955)George W. Bush
Clarence Thomas72 Jahre (23. Juni 1948)George Bush
Stephen Breyer82 Jahre (15. August 1938)Bill Clinton
Samuel Aito70 Jahre (1. April 1950)George W. Bush
Sonia Sotomayor66 Jahre (25. Juni 1954)Barack Obama
Elena Kagan60 Jahre (28. April 1960)Barack Obama
Neil Gorsuch53 Jahre (29. August 1967)Donald Trump
Brett Kavanaugh55 Jahre (12. Februar 1965)Donald Trump
Amy Coney Barrett48 Jahre (28. Januar 1972)Donald Trump

Es war von Anfang an klar, dass der Anteil der Briefwahlstimmen, die auf die Demokraten entfallen werden, größer sein wird, als der, den die Republikaner erhalten. Durch die grassierende Corona-Pandemie war ebenso eindeutig, dass die Anzahl der per Brief eingesandten Wahlzettel deutlich höher sein wird als in vergangenen Wahlen. Es braucht keine Raketenwissenschaft, um daraus eine Strategie für den republikanischen Kandidaten abzuleiten, die Briefwahl zu diskreditieren.

US-Wahl 2020: Das Entsetzen über Donald Trump ist allseits groß

Nun ist das Entsetzen über Trumps Hybris allseits groß. Ein Angriff auf die Demokratie sei das Verhalten des US-Präsidenten. Donald Trump schere sich einen Dreck um demokratische Werte, was er mit seinem Vorhaben einmal mehr unter Beweis gestellt habe. Das ist richtig. Die Empörung aber ist vollkommen fehl am Platz. Nicht die US-Wahl wird durch Donald Trump zur Farce, Donald Trump macht sich zum Zerrbild eines US-Präsidenten - und das nicht erst seit gestern.

Zwar schützt die Würde und Verantwortung des Präsidentenamtes Donald Trump ganz offensichtlich nicht davor, hanebüchenen Unsinn zu erzählen. Das beweist der US-Präsident seit fast vier Jahren regelmäßig. Es ist auch selbst für den US-Präsidenten nicht illegal, schiere Behauptungen aufzustellen, da kann Twitter seine Tweets noch so oft als Falschmeldung oder irreführend kennzeichnen. Peinlich ist es, tief blicken lässt es, aber illegal ist es nicht.

Donald Trumps Verhalten bei der US-Wahl ist das eines Politikers

Tatsächlich hebt Donald Trump die schlechte Eigenschaft vieler Politiker und Politikerinnen, Niederlagen nicht einzugestehen, auf ein neues Level der Absurdität. Er will das Ergebnis anfechten, bevor es überhaupt ein Ergebnis gibt, lange bevor er die Wahl überhaupt verloren haben könnte. Aber das Verhalten kennt man aus der Politik. Auch in Deutschland werden Niederlagen bei einer Wahl auf einmal zu Siegen, weil der politische Gegner ja noch mehr verloren hat oder Mehrheiten trotz großer Verluste hauchdünn verteidigt wurden. Mit Gerhard Schröder wollte auch ein deutscher Bundeskanzler eine Niederlage einst partout nicht eingestehen. Die Reaktion seiner Sitznachbarinnen und -nachbarn damals war betretenes Schweigen.

Donald Trump darf auch als US-Präsident zur US-Wahl Unsinn erzählen, wenn er das möchte.

Diese Reaktion wäre auch bei Donald Trumps Vorgehen die richtige. Eventuell auch Kopfschütteln. Aber auf keinen Fall Entsetzen oder Sorge. Denn was Donald Trump da erzählt, dazu ist er nicht in der Lage. Der US-Nachrichtensender CNN fasste die Situation in seiner Berichterstattung zur US-Wahl trefflich zusammen: „Donald Trump will klagen - keiner weiß, wogegen“ titelte der Sender sinngemäß.

US-Wahl 2020: Egal, was Donald Trump erzählt, die Stimmen werden gezählt werden

Dass ein Wahlergebnis keine 24 Stunden nach der Schließung des letzten Wahllokals endgültig feststeht, das gilt nicht nur für die USA mit ihren mehr als 200 Millionen Wähler und Wählerinnen. Das gilt wahrscheinlich sogar für Nauru, die kleinste Republik der Welt genauso wie für Lichtenstein oder Deutschland. Selbstverständlich wird in den USA weitergezählt werden. Vollkommen undenkbar ist, dass der Oberste Gerichtshof überhaupt auf Donald Trumps Geschwurbel eingeht.

Auch warnende Vergleiche zu den Ereignissen bei der US-Wahl im Jahr 2000, als George Bush gegen Al Gore angetreten war, sind irreführend. Selbst wenn die Wahl damals vor dem Supreme Court landete, der schließlich dem Nachzählen der Stimmen ein Ende bereitete und George Bush zum Wahlsieger erklärte. Damals gab es den - ob berechtigt oder nicht - erhobenen Vorwurf, dass Stimmen nicht richtig gezählt wurden. Niemand forderte damals, einfach mit dem Zählen aufzuhören. Hätte zu der Zeit jemand versucht, den Obersten Gerichtshof mit einem derart offensichtlichen Wahlkampfmanöver für seine Zwecke zu missbrauchen, die ehrenwerten Richterinnen und Richter hätten den Fall wohl nicht mal in Erwägung gezogen.

Deshalb sollten sich alle, die es gut mit der Demokratie meinen, die Empörung verkneifen und Donald Trump einfach seinen Unsinn erzählen lassen. Das fällt beim mutmaßlich mächtigsten Mann der Welt sicher nicht leicht, ist aber zwingend notwendig, um die Farce als solche zu benennen und nicht über das Stöckchen zu springen, dass der einstige Reality TV-Star Trump der Welt mal wieder hinhält. (Von Daniel Dillmann)

Impressionen der US-Wahl 2020

Ein Unterstützer zeigt sein Donald Trump-T-Shirt auf einer republikanischen Wahlparty bei Huron Vally Guns in New Hudson, Michigan, am 3. November 2020.
Ein Unterstützer zeigt sein Donald Trump-T-Shirt auf einer republikanischen Wahlparty bei Huron Vally Guns in New Hudson, Michigan, am 3. November 2020.  © SETH HERALD/afp
Tyrone Carter, ein ehemaliger NFL-Spieler aus Minnesota Vikings, führt eine Gruppe von Kindern an, die den Präsidentschaftskandidaten Joe Biden unterstützen. Er kniet nieder und blockiert am 3. November 2020 die Straße in der Nähe eines Wahllokals in Minneapolis, Minnesota.
Tyrone Carter, ein ehemaliger NFL-Spieler aus Minnesota Vikings, führt eine Gruppe von Kindern an, die den Präsidentschaftskandidaten Joe Biden unterstützen. Er kniet nieder und blockiert am 3. November 2020 die Straße in der Nähe eines Wahllokals in Minneapolis, Minnesota. © KEREM YUCEL/afp
Anhänger:innen der Demokratischen Partei halten am 3. November 2020 vor der Wahlabteilung des Miami-Dade County in Miami, Florida, Schilder.
Anhänger:innen der Demokratischen Partei halten am 3. November 2020 vor der Wahlabteilung des Miami-Dade County in Miami, Florida, Schilder.  © CHANDAN KHANNA/afp
Ein kuwaitischer Mann verfolgt die US-Wahlen am 4. November 2020 in Kuwait-Stadt auf seinem Handy.
Ein kuwaitischer Mann verfolgt die US-Wahlen am 4. November 2020 in Kuwait-Stadt auf seinem Handy. © YASSER AL-ZAYYAT/afp
Tito Mata trägt am Tag der US-Präsidentschaftswahl einen Biden-Harris-Kampagnen Button an seinem Hut während er noch vor dem Wahllokal der Burns-Grundschule Wahlkampf betreibt.
Tito Mata trägt am Tag der US-Präsidentschaftswahl einen Biden-Harris-Kampagnen Button an seinem Hut während er noch vor dem Wahllokal der Burns-Grundschule Wahlkampf betreibt. © Denise Cathey/dpa
John Briggs aus Black Hawk, Colorado, gibt seinen Stimmzettel für die US-Präsidentschaftswahlen in Rollinsville, Colorado, ab. Die Amerikaner stimmten im Schatten einer wachsenden Coronavirus-Pandemie ab, um zu entscheiden, ob sie den Republikaner Donald Trump, einen der polarisierendsten Präsidenten in der Geschichte der USA, wieder wählen oder den Demokraten Joe Biden ins Weiße Haus schicken wollten.
John Briggs aus Black Hawk, Colorado, gibt seinen Stimmzettel für die US-Präsidentschaftswahlen in Rollinsville, Colorado, ab. Die Amerikaner stimmten im Schatten einer wachsenden Coronavirus-Pandemie ab, um zu entscheiden, ob sie den Republikaner Donald Trump, einen der polarisierendsten Präsidenten in der Geschichte der USA, wieder wählen oder den Demokraten Joe Biden ins Weiße Haus schicken wollten. © JASON CONNOLLY/afp
Eine Frau und ihr Hund beobachten den Sonnenaufgang auf den Stufen des Lincoln Memorial am 4. November 2020 in Washington, DC. Nach einer rekordverdächtigen Wahlbeteiligung gingen die Amerikaner:innen am letzten Tag zu den Wahlen, um bei den Präsidentschaftswahlen 2020 ihre Stimme für den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump oder den demokratischen Kandidaten Joe Biden abzugeben.
Eine Frau und ihr Hund beobachten den Sonnenaufgang auf den Stufen des Lincoln Memorial am 4. November 2020 in Washington, DC. Nach einer rekordverdächtigen Wahlbeteiligung gingen die Amerikaner:innen am letzten Tag zu den Wahlen, um bei den Präsidentschaftswahlen 2020 ihre Stimme für den amtierenden US-Präsidenten Donald Trump oder den demokratischen Kandidaten Joe Biden abzugeben. © Al Drago/afp
SOS - Amerika in Not: Ein politisches Rasenschild von Biden/Harris ist am 4. November 2020 in West Bloomfield, Michigan, zu sehen. Präsident Donald Trump und der demokratische Herausforderer Joe Biden kämpfen um das Weiße Haus. Das amerikanische Volk wartet nun auf das endgültige Ergebnis.
SOS - Amerika in Not: Ein politisches Rasenschild von Biden/Harris ist am 4. November 2020 in West Bloomfield, Michigan, zu sehen. Präsident Donald Trump und der demokratische Herausforderer Joe Biden kämpfen um das Weiße Haus. Das amerikanische Volk wartet nun auf das endgültige Ergebnis. © JEFF KOWALSKY/afp
Fans von US-Präsident Donald Trump und seiner Frau Melania sehen im Fernsehen zu, wie die Zahlen am 3. November 2020 im republikanischen Hauptquartier von Cochise County in Sierra Vista, Arizona, eingehen.
Fans von US-Präsident Donald Trump und seiner Frau Melania sehen im Fernsehen zu, wie die Zahlen am 3. November 2020 im republikanischen Hauptquartier von Cochise County in Sierra Vista, Arizona, eingehen. © ARIANA DREHSLER/afp
Demonstrant:innen verbrennen die amerikanische Flagge am 4. November 2020 vor dem Gerichtsgebäude der Vereinigten Staaten von Amerika in Portland, Oregon.
Demonstrant:innen verbrennen die amerikanische Flagge am 4. November 2020 vor dem Gerichtsgebäude der Vereinigten Staaten von Amerika in Portland, Oregon. © ANKUR DHOLAKIA/afp
Am Wahltag am 3. November 2020 in Pahrump, Nevada, wird in der Nähe eines Wahllokals im Bob Ruud Community Center ein Zelt von Trump-Anhängern aufgebaut.
Am Wahltag am 3. November 2020 in Pahrump, Nevada, wird in der Nähe eines Wahllokals im Bob Ruud Community Center ein Zelt von Trump-Anhängern aufgebaut.  © RONDA CHURCHILL/afp
Claire Woodall-Vogg, Exekutivdirektorin der Wahlkommission von Milwaukee, sammelt die Zählung von Briefwahlzetteln an einem Wahlgerät am 4. November 2020 in Milwaukee, Wisconsin. In Wisconsin müssen die Wahlbeamten warten, bis die Wahlen am Wahltag geöffnet sind. Die Milwaukee-Zählung wurde gegen 3 Uhr morgens beendet.
Claire Woodall-Vogg, Exekutivdirektorin der Wahlkommission von Milwaukee, sammelt die Zählung von Briefwahlzetteln an einem Wahlgerät am 4. November 2020 in Milwaukee, Wisconsin. In Wisconsin müssen die Wahlbeamten warten, bis die Wahlen am Wahltag geöffnet sind. Die Milwaukee-Zählung wurde gegen 3 Uhr morgens beendet. © SCOTT OLSON/afp

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