Der Mythos USA bekommt Risse - auch, weil Präsident Trump sich aus Europa als Partner nichts macht.
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Der Mythos USA bekommt Risse - auch, weil Präsident Trump sich aus Europa als Partner nichts macht.

Adieu Amerika

Aus der Traum von den USA als Verbündeter: Donald Trump, der mächtige Pubertierende auf der Weltbühne

  • vonGert Heidenreich
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Die USA unter Donald Trump zerstören die Gemeinschaft, Europa muss sich mit sich selbst verbünden, findet FR-Autor Gert Heidenreich.

Mit zwei weinenden Augen, dem des Jugendlichen und dem des Gealterten, nehme ich widerwillig Abschied vom Bild eines Landes, das ich einst zu lieben gelernt hatte; ein Land, das mich begeisterte, weil sein Name Hoffnung bedeutete. 1949 war ich fünf Jahre alt und ahnte, dass es zu den schönen Gewissheiten des Lebens gehören würde, von einem grundgütigen Übervater behütet zu sein, der außer Chewing Gum und Corned Beef auch das wahrhaftige Leben verkörperte.

Er hieß Amerika, konnte nicht lügen und war überhaupt das Gute. Gab es Besseres als sich der gerechten Seite der Welt zugehörig zu fühlen, ja von ihr gleichsam adoptiert zu sein, verwandt mit den Garanten von Fortschritt, Sicherheit und Wohlstand? Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945, die ich heute als Massenmord ansehe, markierten für unsere Mütter und Väter die globale Hegemonie Washingtons. Unter uns Kindern verstreuten die Besatzer großzügig die Utopie der Neuen Welt, und in unserem erwachenden Denken verankerten sich die USA als Land der Sehnsucht und Ziel des Lernens.

Unsere am Ende des Kriegs deprimierten oder erleichterten Eltern wussten noch nicht, dass die Interventionspolitik dieses Hüters der Freiheit in den anstehenden Jahrzehnten ein einziges fortgesetztes Desaster sein würde; er wusste es ja selbst nicht; und wir Kinder, unversehens im Jahr 1968 angekommen, nahmen ihm Vietnam, vor allem das Massaker an 504 Zivilisten in My Lai, und seinen gewalttätigen Rassismus übel.

Mythos USA bekommt tiefe Risse

Dennoch kam der Mythos USA damals mit Fissuren davon, was vor allem an der Musik des Widerstands lag, die von dort direkt in unsere Herzen knallte. Jimi Hendrix hat mehr zu unserer Affinität mit den USA beigetragen als jedwede dortige politische Entscheidung. Die Kraft zur Opposition, die Lust an Unabhängigkeit, der Wille zur Erneuerung: Dies waren die Signale, die unsere Kinderliebe zu Amerika über Jahrzehnte, trotz aller Zweifel und Enttäuschungen, tief innen, wenn auch sukzessive geschwächt, fortbestehen ließen.

Seither bekam mein damaliger amerikanischer Traum so tiefe Risse, dass sich der einstige Garant für den Siegeszug der Demokratie in einen rätselhaften Abgrund verwandelt hat. Erst fassungslos, dann zornig, inzwischen nur noch traurig und entsetzt beobachte ich, wie diese große Nation mit ihrer tragischen und mutigen Geschichte, den beispielhaften inneren Kämpfen um Freiheit und Menschenwürde ihr Schicksal einem offenbar zutiefst gestörten, minderbemittelten Egomanen überlässt, der die Nation für seinen Narzissmus in Geiselhaft nimmt und dessen größte Lust darin zu bestehen scheint, die niedrigsten Instinkte zu mobilisieren, um Verbündete für seine eigene gedankliche Perversität zu gewinnen. Ein politisch konzeptionsloser, zunehmend willkürlich agierender Präsident, den die meisten Staatsoberhäupter nur mit Mühe ertragen und der alles dazu tut, America first in America worst zu verwandeln.

US-Präsident Trump bringt Rowdytum in Umlauf

„Die Haupttriebfeder seiner Handlungen ist der Ehrgeiz, bewundert zu werden und als Großer Mann auf die Nachwelt zu kommen. Sein durchgehender Charakterzug ist eine nervöse Hast, die unaufhörlich von einer Aufgabe zur nächsten eilt, sprunghaft und widerspruchsvoll, und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen.“ 

Was sich wie ein Porträt von Donald Trump liest, äußerte der Historiker Ludwig Quidde 1894 über den Cäsarenwahn des offenbar geisteskranken römischen Kaisers Caligula. Der ihm zugeschriebene „Twitter“ „Oderint, dum metuant“ – „Sollen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten“ – passt exakt auf Trumps Wüten im Weißen Haus und die Überschätzung seiner Ermessensfreiheit in der Auseinandersetzung mit demokratischen Gouverneuren.

Was bedeutet das Herumpoltern eines so mächtigen, ignoranten Pubertierenden auf der Weltbühne? Die politischen und ökonomischen Folgen seiner Streitsucht sind offensichtlich. Schlimmer ist wahrscheinlich, dass seine halbstarke Redeweise und dummdreiste Selbstanpreisung zunächst in den USA, dann grenzübergreifend als gedankliches und verbales Rowdytum in Umlauf kam und sich durch den mächtigsten Mann der Welt gerechtfertigt sieht. 

Populismus und Streitsucht finden auch in Europa Gehör

Auch in Europa war und ist dafür fruchtbarer Boden. Stumpfsinnige Großspurigkeit ist ein hochinfektiöses Virus, das offenbar vor allem Männer befällt. Man soll nicht glauben, Globalisierung betreffe nur die Wirtschaft; das Wörterbuch des Unmenschen ist ebenso ein Exportschlager, und je bedeutender die Exporteure sind, je mehr Raum sie in den Medien einnehmen, um so begieriger wird ihr Produkt angenommen. 

Die Trumps und Erdogans, Orbáns und Bolsonaros, Johnsons et alii praepotenti dieser Welt wollen, dass ihre aufgeblasene Rhetorik, ihr Fremdenhass, ihre Demokratieverachtung in die Welt dringen. Ihr aufhetzender Sound ist darauf angelegt, internationales Echo zu erzeugen und möglichst viele Kombattanten zu ermutigen, bis noch der minderste Chorist, wie Alexander Gauland, sich in Drohgebärden gegenüber Demokraten übt: „Wir werden sie jagen!“

Die USA sind kein Verbündeter Europas mehr

Ginge es nur um Trump und seine Klientel, könnte Europa abwarten, bis diese Plage vorübergeht. Doch Brutalität, Dummheit, Größenwahn und Willkür an der Spitze einer bis dato gut beleumundeten Weltmacht haben die Tendenz zur Pandemie. Da heißt es: Abstand halten. Die intakten europäischen Demokratien sollten nicht zusehen, wie im eigenen Haus Antieuropäer nach ihrer populistischen Propaganda auch die Methoden der Demokratiezersetzung koordinieren. 

Vor allem gilt es, Abschied zu nehmen von der gebetsmühlenhaft wiederholten Behauptung, die USA seien unser wichtigster Verbündeter. Politisch sind sie kein Verbündeter mehr. Donald Trump* zielt, nicht anders als Putin, auf die Schwächung Europas, auf die Spaltung der Gemeinschaft, die Korrosion der Idee einer solidarisch handelnden, vielgliedrigen, einträchtigen europäischen Völkerfamilie.

Europa ist auf sich gestellt

Und da auch China an Europa lediglich als Wirtschaftsraum Interesse hat und sich radikal gegen die grundeuropäischen Menschenrechtsprinzipien positioniert, lautet die bittere Wahrheit: Europa hat keinen Verbündeten. Es kann sich nur noch mit sich selbst verbünden. 

Und eben das ist seine Stärke oder könnte es sein, wenn wir den geschichtlichen Augenblick erkennen und ergreifen: Es ist allerhöchste Zeit für demokratisch legitimierte gemeinsame Außen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik auf föderalistischer Grundlage, für ein stabiles bundesstaatliches Europa – also für das, was Trump wie Putin verhindern wollen. Der kritische Dialog mit den USA wäre dann eine realistische Alternative. Das Bündnis hingegen ist – zumindest bis zu einer grundsätzlichen Kehrtwende der amerikanischen Politik – eine verlorene Illusion. (Gert Heidenreich)

Der Autor Gert Heidenreich, Jg. 1944, ist Schriftsteller, Rundfunk- und Hörbuchsprecher. Von 1991 bis 1995 war er Präsident des westdeutschen PEN. Zuletzt erschien sein Roman „Schweigekind“ (Transit).

Die New York Times berichtet von russischen Prämien für getötete Nato-Soldaten an die Taliban. Alle Seiten dementieren bislang mehr oder weniger die Geschichte. Unterdessen plagt sich Donald Trump mit einem neuen Enthüllungsbuch herum. Seine Nichte Mary will in ihrem Buch erklären, wie der US-Präsidenten wurde, was er heute ist. Ihr Urteil über ihren Onkel fällt denkbar schlecht aus.

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