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Das Volkswagenwerk in Wolfsburg.

Auto-Industrie

Unverantwortliche Abgas-Tests an Menschen

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Hierzulande scheinen viele Manager verkommen – nicht nur wegen der Versuche mit Abgasen am Menschen oder der Dieselaffäre.

Zwei Begebenheiten, die dieser Tage öffentlich wurden, erschüttern die Grundfesten der Gesellschaft. Es geht zum einen um das Verhalten der deutschen Wirtschaftselite gegenüber dem US-Präsidenten Donald Trump. Zum anderen um Menschenversuche, die die von VW, Daimler, BMW und Bosch gegründete Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) hat durchführen lassen.

Um mit Letzterem zu beginnen: Die Universität Aachen hat im Auftrag der EUGT 25 Volljährige für nicht näher bezeichnete „kürzere“ Zeiträume mit Stickstoffdioxid (NO2) begast, um mögliche Auswirkungen des Schadstoffs auf die menschliche Gesundheit zu eruieren.

Nun sind Tests an Menschen im pharmazeutischen Bereich nicht nur üblich, sondern vorgeschrieben. Bevor neue Wirkstoffe und Medikamente eine Zulassung erhalten, sind nicht nur Versuche an Tieren, sondern auch klinische Anwendungen an Menschen obligatorisch, die nicht frei von Risiko für die Probanden sind.

Unfassbares Verhalten der Autobranche

Ethisch steht diese Praxis insoweit in der Kritik, als die Testpersonen für die Teilnahme an den Versuchen bezahlt werden und in der Folge vor allem Menschen mit wenig Geld sich dazu bereitfinden. Dem steht das im Grundsatz löbliche Forschungsziel entgegen, ein neues, möglicherweise lebensrettendes Arzneimittel zur Verfügung zu haben. Vor allem aber gibt es zu klinischen Pharmaversuchen keine sinnvolle Alternative.

Die von der EUGT – und damit von den Großen des Autobaus – verantworteten Menschenversuche sind völlig anderer Natur. Es ging nicht darum, Erkrankungen zu heilen oder zu lindern. Die Tests wurden durchgeführt, um Grenzwerte für Stickstoffdioxid infrage zu stellen. Man setzte Menschen dem Gas aus, um zu zeigen: Passiert nichts, ist halb so wild.

Die Uni Aachen lieferte diese Ergebnisse auch prompt. Abseits manchen Zweifels, den solche interessengeleitete Auftragsforschung wecken mag, stellt sich eine viel fundamentalere Frage: Wie wäre es zu verantworten, wenn die Versuchsbegasung den Probanden geschadet hätte? Die Antwort lautet: überhaupt nicht, niemals. Gesunde Menschen versuchshalber Stickstoffoxiden auszusetzen, die unzweifelhaft Atemwegserkrankungen hervorrufen sowie Allergie-Reaktionen verstärken können und für die aus eben diesen Gründen EU-weit Obergrenzen gelten, ist schlicht unverantwortlich.

Dabei ist es unerheblich, ob die Versuche im Zusammenhang mit dem Dieselabgas-Skandal standen, oder ob sie, wie die Uni Aachen behauptet, im Zusammenhang mit NO2-Grenzwerten am Arbeitsplatz ins Bild gesetzt wurden. Zumal die EUGT später in den USA Versuche an Affen veranlasste, die dazu dienten, die Unbedenklichkeit des „sauberen“ Dieselantriebs zu belegen.

Man forschte nicht, um Schadstoffe zu reduzieren, sondern, um deren Ungefährlichkeit belegen zu können. Es bleibt unfassbar, dass diese Tests von einer Branche veranlasst wurden, die seit Jahren systematisch und mit teils betrügerischen Methoden die NO2-Belastung durch ihre Erzeugnisse heruntermanipulierte. Ebenso, dass dies in einem Land geschieht, in dem die Begriffe „Menschenversuch“ und „Gas“ ein Tabu markieren sollten, dies aber offenbar nicht mehr tun.

Wer mag vor diesem Hintergrund die eilige Distanzierung von den Aachener Tests, die aus den Chefetagen der Konzerne drang, als Zeichen aufrichtiger Betroffenheit deuten? Wer argwöhnte nicht, das Bedauern gelte nicht den Versuchen an Menschen und Affen, sondern der Tatsache, dabei ertappt worden zu sein? Wer glaubt den Bekenntnissen der Manager, man handele in Verantwortung für Mensch und Gesellschaft?

Ähnliche Fragen stellen sich in Anbetracht des Verhaltens, das die deutsche Wirtschaftselite gegenüber Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos an den Tag legte. In den Abendnachrichten war zu besichtigen, wie Siemens-Chef Jo Käser Trump für dessen Steuerreform huldigte; wie er sich von einem Mann, den er insgeheim vermutlich als inkompetent und größenwahnsinnig empfindet, für Milliardeninvestitionen in den USA belobigen ließ und dabei wie die Karikatur eines speichelleckenden Untertanen wirkte.

Dabei hatte Käser in gewisser Weise nur das Pech, beim Katzbuckeln von den Kameras eingefangen zu werden. Am Tisch saßen schließlich auch die Vorstandsvorsitzenden von Adidas, Bayer, SAP und anderer Konzerne, die ins gleich Horn stießen: Hoch die Steuerreform, es lebe der Präsident.

Zur Erinnerung: Trumps Steuerreform wird Reiche reicher machen und Armen nichts nutzen. Sie wird allenfalls ein konjunkturelles Strohfeuer entfachen, von dem besonders jene profitieren, die … siehe oben. Zugleich wird sie die Staatsverschuldung in ruinöse Höhen treiben, kommende Generationen haben dafür geradezustehen. Verantwortung? Gemeinsinn? Nachhaltigkeit? Man möchte sich erbrechen.

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