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Der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus ist der Untreue verdächtig.

Leitartikel

Die Untreue als Trend betrachtet

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Inzwischen vergeht kaum ein Tag, an die Medien nicht über Politiker berichten, die wegen des Verdachts der Untreue ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten.

Gäbe es ein Ranking für Vergehen und Verbrechen, wäre der Untreue (§266 Strafgesetzbuch) der Titel des erfolgreichsten Aufsteigers der vergangenen Dekade kaum zu nehmen. Von der Justiz lange unbemerkt, hat sich die Untreue in der Wirtschaft zwar schon immer großen Zuspruchs erfreut und als populärstes „Managerdelikt“ firmiert. Inzwischen aber vergeht kaum ein Tag, an dem die Medien neben den gewohnten Nachrichten über einschlägige Verfahren gegen Konzernvorstände, Aufsichtsräte oder Banker nicht auch über Politiker berichten, die als Bürgermeister, Landräte, Minister oder Ministerpräsidenten ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten. Als seien sie entschlossen, zumindest auf diesem schlammigen Terrain den Primat der Politik zu sichern, legen sie dabei eine Einsatzfreude an den Tag, die bei anderer Gelegenheit willkommen wäre, in diesem Fall aber nichts Gutes erwarten lässt.

Soeben wurde Anklage wegen Untreue gegen den früheren rheinland-pfälzischen Finanzminister erhoben, der Millionen in das Freizeitzentrum Nürburgring pumpte, als es schon eine Investitionsruine war. Der Untreue verdächtig ist der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU), der um 840 Millionen Euro überteuert Aktien des Energieversorgers EnBW zurückgekauft haben soll. Es wird behauptet, der Popularitätssschub der Untreue habe mit dem Verfahren gegen den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) begonnen, das im Jahr 2001 gegen Zahlung eine Geldauflage in Höhe von 300.000 Mark eingestellt worden war. Möglich ist aber auch, das er schon ein Jahr zuvor mit der einschlägigen Verurteilung des ehemaligen saarländischen Ministerpräsidenten und Bundesverkehrsministers Reinhard Klimmt (SPD) oder erst einige Jahre später mit der Verurteilung des ehemaligen Bundesinnenministers Manfred Kanther (CDU) eingesetzt hat. Jedenfalls entspricht das anhängige Strafverfahren gegen den früheren Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (damals SPD) wegen Untreue dem derzeitigen Trend.

Der Trend zur Untreue, das heißt die Aufkündigung der Loyalität durch das sogenannte Spitzenpersonal in Wirtschaft und Politik, hat selbstverständlich Konsequenzen. In der Politik sind sie heute nur schwer abzusehen, in der Wirtschaft hingegen schon längst eingetreten.

Der erste und zugleich absolute Bruch der Loyalität, von dem die Bibel berichtet, war die Untreue am Arbeitsplatz. Der Garten Eden, in dem sich Eva mit dem verbotenen Apfel bediente, war dem Menschen zugewiesen, „damit er ihn bebaue und hüte“. Die Einrichtung des Arbeitsplatzes fand im zweiten Kapitel der Genesis statt, im dritten sofort der Sündenfall. Angesichts des ernüchternden Beginns der Menschheitsgeschichte ist die Selbstverständlichkeit erstaunlich, mit der bis heute Arbeitgeber von ihren Mitarbeitern noch vor Zuverlässigkeit und Fleiß ungeteilte Loyalität erwarten. An der Bereitschaft, dieser Forderung freiwillig zu entsprechen, hat es vermutlich den meisten schon immer gefehlt, die Einsicht, sich selbst der Nächste zu sein, hat sich stets als unerschütterlich erwiesen. Nicht nur Experten behaupten, sondern jedes einschlägige Gespräch im Kollegenkreis beweist, dass die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber oder Vorgesetzten nur mehr in Schwundspuren nachweisbar ist und, wo sie beobachtet wird, auf Unverständnis und heftiges Missfallen stößt.

Schon Ende der 90er Jahre bezifferten Staatsanwaltschaften den Gesamtschaden durch wirtschaftsinterne Straftaten auf bis zu 18 Milliarden Euro im Jahr. Befeuert wird die Bereitschaft der Mitarbeiter, sich auf Kosten ihres Unternehmens zu bereichern, allerdings durch das Vorbild, das sich ihnen als solches tagtäglich empfiehlt: der Chef. Eine Belegschaft, die die Plünderung des Unternehmensvermögens in der Führungsetage – getarnt als Abfindung und Provision oder ungetarnt als Untreue – erlebt, fühlt sich ermuntert, ebenfalls bei Gelegenheit zuzugreifen. Loyalität beschränkt sich dann nur mehr auf die Erkenntnis: Loyal ist, wem nichts bewiesen werden kann.

Mit diesem Loyalitäts-Begriff lässt sich kein Unternehmen führen und schon gar kein Staat machen. Wenn sich die Staatsbürger – angeregt durch die Beispiele, die die Politiker ihnen unablässig liefern – so verhalten, wie sich viele als von ihren Führungskräften inspirierte Arbeitnehmer verhalten, werden sie den Staat nur mehr als Beute betrachten, öffentliche Ämter als Gelegenheit, in die Kasse zu greifen, und gewählte Politiker als Bandenführer. Bei manchem würde das vielleicht die Bereitschaft wecken, selber mitzumachen. Das wäre das Ende der Politikverdrossenheit. Aber es wäre auch das Ende der Politik.

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