Auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor feien Menschen die Einheit.
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Auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor feien Menschen die Einheit.

Tag der Deutschen Einheit

Unterschiedlicher als gedacht

  • vonKatja Dittrich
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In Berlin gibt es ein Nord-Süd-Gefälle, Fußballfans von Hertha oder Union, Zugezogene oder Alteingesessene. Der Gegensatz von Ost und West ist da nur einer von vielen. Unsere Kolumne.

Die deutsche Wiedervereinigung ist 27 Jahre her. Unglaublich. Nachdem wir uns jetzt also alle kurz alt gefühlt haben, hier ein paar Gedanken dazu, was das für die Hauptstadt Berlin bedeutet.

Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich immer seltener gefragt werde, ob ich aus dem Ost- oder dem Westteil der Stadt komme. Ich habe meine Jugend in der zusammenwachsenden Stadt verbracht, kann mich also noch gut an die gegenseitigen Vorwürfe und verletzenden Sprüche erinnern.

Zumindest in meinem Umfeld kommt das nicht mehr vor. Ich habe in West- und in Ostbezirken gewohnt, in reichen und in armen Kiezen. Wobei das ja nicht mehr zwangsläufig zusammenhängt. Touristen erkennen den Unterschied zwischen den beiden Teilen jedenfalls nicht mehr am Zustand der Gebäude und Straßen. An der Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße bräuchte es zum Beispiel ein extra großes Hinweisschild, dass das Brunnenviertel der Westen war.

Die beiden Hälften haben sich angenähert. Die Ergebnisse der Bundestagswahl zeigen zwar noch ein Ost-West-Gefälle in der Stadt, aber auf den zweiten Blick sieht man mittlerweile auch die CDU in Ost- und die Linke in Westbezirken.

Berliner haben die Wiedervereinigung ja unmittelbar miterlebt. In Baden-Württemberg und Sachsen kannte man die andere Seite aus dem Fernsehen, in Berlin aus der Warteschlange im Penny. Die ganze Stadt hat sich durch den Mauerfall verändert, nicht nur die eine Hälfte wie im Rest des Landes. So etwas verbindet.

Ich glaube, es liegt auch daran, dass Berliner noch mehr unterscheidet. Auch das sieht man an der Wahlkarte, sie ist deutlich bunter als die von München oder Leipzig. Klar, es gibt das Zentrum und die Randbezirke. Aber darüber hinaus kennen wir viel mehr, was uns trennt.

Nord- und Südberlin beispielsweise. Da gibt es meiner Meinung nach einen größeren Graben als zwischen West und Ost. Als Nordberlinerin brauche ich in Schöneberg Google Maps, in Zehlendorf einen Reiseführer und für Köpenick ein Visum. Nordkorea finde ich auf der Weltkarte, aber Britz-Süd nicht auf dem BVG-Plan.

Und das ist nicht alles. Wir haben außerdem Hertha BSC und Union, Schwaben und Brandenburger, Deutsche und von ausländischen Firmen entsandte Arbeitskräfte, Fahrradfahrer und Autofahrer, Hipster und Rentner, Zugezogene und Alteingesessene, Polizisten und Linksautonome, Leute, die der Volksbühnenrummel nicht interessiert und Leute, die der Volksbühnenrummel überhaupt nicht interessiert, Vermieter und Mieter und alle gegen Spandau. Vielleicht ist das das beste Rezept. Bei so vielen Gegensätzen und Interessenlagen muss sich der Ost-West-Unterschied einreihen.

Ja, es ist ein langer Prozess, aber wir sind schon einen guten Weg gegangen. 27 Jahre reichen nicht für eine völlige Angleichung, wenn wir sie überhaupt wollen. Wir müssen uns da vielleicht noch ein bisschen länger in Geduld üben. Aber wenn Berlin etwas kann, dann das. Wozu gibt es denn S-Bahn und BER-Baustelle?

Weil unsere Unterschiede wichtig sind für den Einheitsprozess, fahre ich Fahrrad, ernähre mich weizenfrei, bin für Hertha und gebe auch ansonsten alles, damit sich Leute von mir abgrenzen können – und zwar nicht wegen meines Geburtsortes. Und am Tag der Deutschen Einheit freue ich mich.

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