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Kanzlerin Angela Merkel: Bildung für alle.

Leitartikel

Unter dem Schnitt

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Die Bundesregierung will zwar das Bafög verbessern. Ist aber weit von der versprochenen Bildungsrepublik entfernt. Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch noch dumm.

Wohlstand für alle“ – ist der Slogan, den in den Nachkriegsjahren der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, Architekt der sozialen Marktwirtschaft via Buchtitel, ausgab. „Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle“, sagte Kanzlerin Angela Merkel mehr als 50 Jahre später im Jahr 2008. Damals rief sie die „Bildungsrepublik Deutschland“ aus.

Wie weit sind wir heute? Eindeutig nicht weit genug. Die Bildungsrepublik Deutschland ist zwar vergleichbar mit einem Gebäude, in dem in diesen Tagen viel gearbeitet und gehämmert wird: Es wirkt fast, als wolle sich Bildungsministerin Anja Karliczek nach einem verschlafenen ersten Amtsjahr bekannt machen. Der Bundestag beschließt eine Bafög-Erhöhung, das Kabinett bringt ein neues Berufsbildungsgesetz auf den Weg, und Karliczek unterschreibt die Bund-Länder-Vereinbarung zum Digitalpakt Schule.

Das Fazit ist: Es geht voran, aber zu langsam. Viel zu oft werden nur Reparaturarbeiten geleistet. Es fehlt an einer überzeugenden Architektur für das Gesamtgebäude, an der Energie zu durchgreifender Neugestaltung.

Die Bafög-Reform steht beispielhaft für den fehlenden Ehrgeiz. Sie ist überfällig. Diejenigen, denen die Eltern das Studium nicht finanzieren können, erhalten vom Wintersemester an einen ordentlichen Zuschlag. Der ist dringend notwendig, da das Bafög in der Vergangenheit oft verspätet und nicht konsequent genug an die Lebenshaltungskosten angepasst worden ist.

Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Warum gab es in der Vergangenheit für Studentinnen und Studenten immer wieder jahrelang Nullrunden? Nebenher zu kellnern kann zwar eine wertvolle Lebenserfahrung sein, aber es hält auch vom eigentlichen Job ab: dem Studium.

Die Bundesregierung sollte für die Erhöhung des Bafög endlich ein automatisiertes Verfahren finden, das sich an den Lebenshaltungskosten orientiert. Mindestens aber sollte sie festschreiben, dass alle ein bis zwei Jahre über eine Erhöhung entschieden werden muss. Doch zu einer solchen nachhaltigen Änderung hat sich die große Koalition nicht durchringen können.

Gut ist allerdings, dass beim Bafög jetzt auch die Freibeträge für die Eltern angehoben werden. Unklar ist aber, ob die Erhöhung konsequent genug ist. Es geht darum, einen problematischen Trend zu stoppen: nämlich den, dass die Zahl der Bafög-Empfänger immer weiter sinkt. Das Deutsche Studentenwerk hat dazu festgestellt, dass es in Sachen Studium längst nicht mehr nur Hürden für einkommensschwache Familien gibt, sondern auch ein „Untere-Mittelschicht-Problem“.

Der grundlegende Fehler im System ist lange nicht behoben: Bildung ist zu eng an die soziale Herkunft gekoppelt. In den Statistiken der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ließen sich hier zwar zuletzt leichte Verbesserungen erkennen, der bittere Befund war dennoch: Nur knapp 15 Prozent der Erwachsenen mit Eltern ohne Abitur erreichen in Deutschland ein Hochschulstudium – deutlich unter dem Durchschnitt der OECD-Länder.

Das ist nicht nur ungerecht. Deutschland kann sich eine solche Schieflage schlicht nicht leisten. Jungen Menschen – egal ob arm oder reich, ob mit oder ohne Migrationshintergrund – Bildungschancen vorzuenthalten, ist nicht nur fahrlässig. Es ist dumm. Vielen Branchen droht in Zeiten des demografischen Wandels ein Fachkräftemangel.

Die Erhöhung des Bafög ist ein Schritt zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Doch richtig ist auch: Zu dem Zeitpunkt, zu dem junge Menschen ihr Studium beginnen, sind viele Weichen bereits gestellt. Die Politik muss also so früh wie möglich ansetzen, wenn sie allen gute Chancen ermöglichen will. Das fängt bei guter frühkindlicher Bildung in der Kita an und muss sich bei einer guten Ausstattung von Brennpunktschulen fortsetzen. Da gab es in den vergangenen Jahren zwar Verbesserungen, aber vieles muss schneller und konsequenter erfolgen.

Die soziale Marktwirtschaft hatte mit Wirtschaftsminister Ludwig Erhard einen Kopf. Im Moment ist nicht einmal daran zu denken, dass Bildungsministerin Anja Karliczek diese Rolle in der Bildungsrepublik Deutschland übernehmen könnte. Aber es wäre schon hilfreich, wenn sie die Chancen ihres Amtes tatsächlich langsam entdeckt.

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