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Matthias Matussek im Dialog mit der AfD Bürgerschaftsfraktion Hamburg.

Hassbegriff der Rechten

Elite jenseits des „Pöbels“

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Die Elite wird von der Rechten gehasst, von anderen verteidigt. Doch wer gehört eigentlich dazu? Darüber herrscht Verwirrung. Die Kolumne.

Wer wäre nicht gerne begabt, überdurchschnittlich qualifiziert und jenseits des ‚Pöbels‘ ein einflussreicher gesellschaftlicher Leistungsträger, sprich: Teil einer Elite? Doch wer gehört letztlich dazu? Immerhin wird zumindest historisch der Elite-Status als selbst erarbeitete individuelle Aufwertung unter Leistungsgesichtspunkten verstanden, dem Adel hingegen scheint seine Macht in die Wiege gelegt.

Für die politische Rechte taugt „Elite“ zum „Hassbegriff“ („Zeit“). Einer ihre Vordenker, Edgar Jung, schrieb diesbezüglich in seinem Aufsatz „Adel oder Elite“ 1933, dass Elite an Leistung gekoppelt sei, „um anerkannt zu sein“, der Adel jedoch „durch sein überlegenes Sein“ vorherrsche.

Leistung versus angeborenes Übermenschentum – eine Vorstellung, die „Elite“ als Charaktermodell versteht, das Leistung im günstigen Fall an sozialen Aufstieg koppelt. Daran könnten „unverzichtbare Führungs- und Koordinationsleistungen für soziale Systeme“ (Bundeszentrale für politische Bildung) geknüpft sein. Unseren realen „Eliten“ ist das eher wurscht, denn die symbolische Aufwertung innerhalb einer Hierarchie erfolgt ohne erwiesenen sozialgesellschaftlichen Ertrag.

Macht und bürgerliche Herkunft

Der emeritierte Soziologie-Professor Michael Hartmann fasst in einem Interview der „Süddeutschen“ zusammen: Zur Elite gehöre, „wer die Macht hat“. Womit er die Damen und Herren vom Ross der Charakterstärke hebt und die Erfolgsstorys zusätzlich an der bürgerlichen Herkunft („vier von fünf Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden [stammen] aus Bürger- oder Großbürgerfamilien“) festmacht.

Es scheint nicht so einfach mit den Eliten, oder hat etwa der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel für Klarheit gesorgt? Der kommentierte am 11. März eine Party des Journalisten Matthias Matussek auf Twitter wie folgt: „Ein früherer SPIEGEL-Redakteur feierte seinen Geburtstag mit Weggefährten – und Rechtsradikalen. Ich finde: Die bürgerlichen Eliten sollten für Demokratie einstehen, anstatt an ihr zu sägen!“

Wen hat Gabriel konkret mit den „bürgerlichen Eliten“ gemeint, in Erwägung, dass er sich auf die medial Präsenten bezog? Mario Müller von den rechtsextremen „Identitären“ sicher nicht, der dient ja als Gegenmodell, wobei das gar nicht geklärt ist, wenn man bedenkt, dass das Bürgertum es sich zum großen Teil mit den Nationalsozialisten recht kommod eingerichtet hatte. In Punkto Machtfaktor scheidet Müller aber definitiv aus.

Ein Maurer, eine Preußin, ein Kolumnist und ein Hamburger

Wie sieht es mit Michael Klonovsky aus, Referent von Alexander Gauland und Autor bisweilen offen rassistischer Texte? Hat als kleiner Maurer angefangen. Oder Erika Steinbach, Vorsitzende der AfD-Stiftung Erasmus, nicht unweit der Macht. Womöglich, weil aus Westpreußen, Teil der bürgerlichen Elite. Ebenso wie „Spiegel“-Kolumnist Jan Fleischhauer und Moderator Reinhold Beckmann? Ersterer sicherlich, da passt einfach alles, aber auch bei Beckmann dürfte es trotz abgebrochenen Studiums reichen. Er lebt in Hamburg, und da sind sie alle immer ein bisschen bürgerlicher.

Was aber ist mit Matussek? Hat Gabriel den abgedrifteten „Identitären“-Sympathisanten mitgemeint, oder ist er derjenige, der die demokratiezerstörende „Säge“ an seine Champagner-Freunde weitergibt und somit aus dem Elite-Kreis verbannt wurde?

Gabriel hat seinen bürgerlichen „Elite“-Begriff an eine gesellschaftliche, humanistisch-liberale Übereinkunft gekoppelt, die so nicht existiert, und dabei wohl unfreiwillig die rechte Definition übernommen. Dabei kommt „Links“ im „Elite“-Begriff gar nicht vor, selbst wenn die AfD dem Volk das gerne so verkauft. „Elite“ hat nichts mit politischer Richtung zu tun.

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