Eine Gelbbauchunke streckt die Gliedmaßen in die Luft: Jubel oder Protest? 
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Eine Gelbbauchunke streckt die Gliedmaßen in die Luft: Jubel oder Protest? 

Kolumne

Unkenrufe: Wer hört die kleinen Tierchen?

  • vonManfred Niekisch
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Unkenrufe sollten gehört werden, gerade jetzt, da es um die Wiederbelebung der Wirtschaft geht.

Sie gehören in diese Jahreszeit, die Unkenrufe. In den warmen, windstillen Nächten des Frühsommers hört man sie. Natürlich nur dort, wo es die Unken zu überleben geschafft haben. In flachen Gewässern, sogar in Pfützen auf unbefestigten Forstwegen fühlen sich die wenige Zentimeter großen Froschlurche wohl.

Beide Arten der Unke, im Westen der Republik mit gelbem, im Osten mit rotem Fleckenmuster auf dem Bauch, sind streng geschützt und stark gefährdet. Wie vielstimmiges leises Glockengeläut klingen ihre Konzerte. So finden sich die Individuen zur Paarung und Laichablage.

Aus Unkensicht wäre es völlig unverständlich, dass ein Unkenruf unter den Menschen als pessimistische Äußerung gilt. Ein Blick in die Augen der Tiere würde mit solch schrägen Vorstellungen wohl aufräumen, denn die Pupillen sind herzförmig. Romantik pur, die zugegebenermaßen den meisten Menschen verschlossen bleibt.

Schwindende Lebensräume: Unken würden schreien, wenn sie könnten

Jedenfalls schafft es das Unwort von den Unkenrufen sogar in renommierte Nachrichtensendungen. Es sollen Unkenrufe sein, die derzeit warnen vor einer zweiten Infektionswelle oder vor einer Verschärfung des Handelsstreits zwischen den USA und China.

Solche Prognosen sind leider nicht realitätsfern, doch die Unken wissen davon nichts. Wenn sie denn mit uns kommunizieren könnten, würden sie eher laut schreien oder leise wimmern, um den Zustand ihrer Lebensräume zu beklagen. 

Da kann es immerhin ein kleiner Trost sein, dass Volkswagen nun höchstrichterlich bescheinigt bekam, Autokäufer vorsätzlich sittenwidrig belogen und betrogen zu haben. Unken können keine Autos mögen, denn für deren Bahnen wurden zu viele ihrer Lebensräume zerschnitten oder zerstört.

Verkehr, Wohnungsbau und Lebensmittelproduktion vertreiben Unken und andere Tiere

Damit stehen die Unken nicht allein in der Lurchgesellschaft. Der geht es insgesamt so. Die Versiegelung der Böden nimmt ihnen die Habitate. Derzeit werden rund 80 Hektar mit Asphalt und Beton zugedeckt. Jeden Tag.

Das Ziel der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie, die Neuinanspruchnahme von Flächen für Siedlungen und Verkehr bis zum Jahr 2030 auf unter 30 Hektar pro Tag zu verringern, dürfte wie so viele Ziele im Umweltbereich krachend verfehlt werden.

Dabei verschwinden auch beste landwirtschaftliche Böden. Angesichts solchen Wahnsinns soll bloß keiner jammern, wir müssten auf der Erde mehr Lebensmittel produzieren und dazu mehr Acker freiräumen, und sei es im Regenwald. Nein, wir brauchen mehr Flächen für die Natur, ganz in unserem ureigensten menschlichen Interesse.

Klima- und Umweltziele müssen weiter verfolgt werden

Es droht, dass zur Ankurbelung der Wirtschaft nach dem virusbedingten Stillstand das Baurecht zulasten der Natur verändert wird, Klimaziele gelockert und verschoben werden und die Autoindustrie staatliche Hilfen bekommt, auch ohne zukunftsfähige Konzepte zu realisieren. Hauptsache, die Absatzzahlen steigen wieder.

Gerade jetzt aber dürfen Klima- und Umweltziele nicht hintangestellt, nicht aufgeweicht, nicht verschoben werden. Bisher Erreichtes darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Sonst wird die Reparatur der Umweltschäden unendlich teuer, wenn nicht sogar unmöglich. Noch weigern sich manche Volksvertreter, das zur Kenntnis zu nehmen. Allen Unkenrufen zum Trotz.

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