Wirtschaftsleistung in der Corona-Krise

Prognosen mit dem Nutzwert eines Blickes in die Kristallkugel

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Wie sehr schwächt das Virus die hiesige Wirtschaft? Das weiß niemand. Vorsicht also bei Vorhersagen. Der Leitartikel.

Das Münchener Ifo-Institut hat soeben ein alles andere als hilfreiches Gutachten vorgelegt. Danach wird in diesem Jahr die Wirtschaftsleistung in Deutschland wegen der Corona-Krise „um 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte“ sinken – „je nach Szenario“. Je nach Szenario?

Wer jetzt Prozentzahlen verkündet, sogar mit einer Stelle hinterm Komma, scheint Autorität auszustrahlen. In Wahrheit aber haben Prognosen mit so großen Bandbreiten den gleichen Nutzwert wie ein angestrengter Blick in die Kristallkugel.

Wissen Wirtschaftswissenschaftler mehr als die Virologen? Die stürzen sich derzeit Tag für Tag gespannt auf die immer neuen Daten: Wie wirken die Gegenmaßnahmen? Gelingt das Abflachen der Kurve? Es ist in Wahrheit ein dynamisches Geschehen. Kein Virologe würde sich trauen, jetzt mal eben Intensität oder Dauer der Infektionswelle in Deutschland vorherzusagen. Wenn aber der Verlauf der Infektionskurve nicht prognostiziert werden kann, fehlt auch die belastbare Berechnungsgrundlage für die ökonomischen Konsequenzen.

In Deutschland droht, klarer Fall, in diesem Jahr ein ökonomischer Absturz wie noch nie. Zugleich aber schnürt Deutschland auch Hilfspakete wie noch nie. Finanzminister Olaf Scholz will, dass „niemandem die Puste ausgeht“. Genau das macht alle Prognosen kompliziert. Denn eine Kollision zweier so mächtiger ökonomischer Faktoren, von denen der eine die Wirtschaft stört und der andere sie stützt, ist ebenfalls noch nie da gewesen.

Natürlich gibt es viele Gründe, jetzt an eine Krise zu glauben, die ihrerseits neue Krisen hervorbringt. Die Pandemie könnte die gesamte Weltwirtschaft nach unten ziehen. Doch möglich bleibt auch, dass jedenfalls in Deutschland der gegenwärtig sehr prekäre Schwebezustand leidlich abgefangen wird durch schuldenfinanzierte Nothilfen – bevor Land und Leute dann schrittweise zurückfinden zur Normalität.

Zu dieser neuen Normalität könnten übrigens sogar Wachstumsraten gehören, die größer sind als vor dem Absturz. Verblüffend viele Arbeitnehmer retten sich derzeit per Homeoffice über die Runden. In anderen Branchen können ausgebliebene Bestellungen noch nachgeholt werden, etwa im Automobil- und Maschinenbau. Es gehört zu den Eigenheiten der Deutschen, dass sie just auf diesen beiden Feldern weltweit höchstes Ansehen genießen. Die im Augenblick intelligenteste ökonomische Vermutung lautet also: Deutschland bleibt stark – stärker jedenfalls als jeder andere Staat in der EU.

Die Diskussion über die Zukunft der Wirtschaft in Deutschland hat übrigens eine bislang unterschätzte emotionale Dimension. Alle, die jetzt die drohende Talfahrt Deutschlands dramatisieren, wirken ihrerseits negativ aufs Geschehen ein, im Sinne einer Self-fulfilling Prophecy. Es kann schlimm werden, keine Frage. Aber welchen Effekt soll es haben, jetzt die ohnehin schon kursierenden Ängste noch zu steigern?

Eine Kultur des Alarmismus wäre schädlich in jeder Hinsicht. Sie ließe die Krise in ihren Auswirkungen noch wachsen, ökonomisch und psychologisch. Und sie wäre überdies auch moralisch niedrig in einer Zeit, in der Italien mehr als 5000 und Spanien mehr als 2000 Todesopfer beklagt. Nirgendwo in der Welt gibt es so viele Betroffene. Und nirgendwo sind auch die Folgen des wirtschaftlichen Stillstands so einschneidend wie in Italien und Spanien.

Deutschland ist jetzt mehr denn je als Freund und Helfer in Europa gefragt. Die Alternative läge darin, China und Russland das Feld zu überlassen; beide Mächte inszenieren bereits immer neue medienwirksame Hilfsaktionen.

Deutschland muss, auch wenn es schwerfällt in diesen krisenhaften Zeiten, den Kopf heben und über den Tag hinaus blicken. Wer ein freies, friedliches und irgendwann auch wieder fröhliches Europa will, darf sich jetzt als Deutscher nicht zurückziehen auf eine hohläugige Nabelschau. Im Augenblick sind es andere, denen die Puste ausgeht. 

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