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Die Unfähigkeit zu trauern

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Die Skulptur des Hitler-Attentäters Johann Georg Elser in Konstanz am Bodensee.
Die Skulptur des Hitler-Attentäters Johann Georg Elser in Konstanz am Bodensee. © dpa

Dass Georg Elser am 8. November 1939 Hitler töten wollte, wird bis heute kaum gewürdigt. Warum sind wir so geschichtslos?

Von Michael Müller

Das Geheimnis der Versöhnung liegt in der Erinnerung.“ Dieses jüdische Sprichwort zitierte Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 in seiner Rede zum 40. Jahrestag nach Kriegsende. Was ist von dieser Einsicht geblieben? Im Jahr 2014, in dem es so viele Gründe für ein Gedenken gibt: 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, 75 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, 25 Jahre nach Fall der Berliner Mauer – und, was kaum beachtet wird, 75 Jahre nach dem gescheiterten Anschlag von Georg Elser auf Adolf Hitler.

Wie in einem Zeitraffer zieht das Jahrhundert der Extreme vorbei. Mit dem Ersten Weltkrieg begann ein langer Weg, der – nicht zwangsläufig, aber faktisch – zu Hitlerfaschismus, Zweitem Weltkrieg und Holocaust führte, dann in Jahrzehnte der deutschen und europäischen Spaltung, die schließlich mit dem Mauerfall 1989 endeten. Wäre das Attentat Elsers erfolgreich gewesen, hätte es die Weltgeschichte entscheidend verändert. Wahrscheinlich den zweiten großen Krieg gestoppt, Millionen Menschen vor Leid, Verzweiflung und Tod bewahrt und den Holocaust verhindert.

Warum gibt es keine würdige Art und Weise, dieser Ereignisse in ihrem Zusammenhang zu gedenken? Nicht nur das Geheimnis der Versöhnung, auch das der demokratischen Kultur liegt in der Erinnerung. Dazu gehört, sich der europäischen Geschichte bewusst zu werden, gerade angesichts der drohenden sozialen Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa, des anhaltenden Konflikts mit Russland und des Bürgerkriegs in der Ukraine. Wir brauchen ein gemeinsames Verstehen und Gedenken, gegen das im offiziellen Berlin die Reserve so unübersehbar groß ist.

Heute wäre erneut Anlass für einen solchen Gedenktag. Am 8. November 1939 wollte Georg Elser Adolf Hitler töten und den Zweiten Weltkrieg stoppen. Die Tat war ein moralisch begründeter Anschlag gegen den Nationalsozialismus, fünf Jahre früher als das Attentat der überwiegend Deutschnationalen um Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom 20. Juli 1944, das jedes Jahr große Aufmerksamkeit findet. Warum ist über Georg Elser, wie auch über andere Teilen des antifaschistischen oder christlichen Widerstands, so wenig zu hören? Er steht in einem völlig anderen politischen Zusammenhang, nicht für die Ehrenrettung des Bürgertums, sondern für den sozialistischen oder kommunistischen Widerstand. Er war ein Sehender unter Blinden, als das nationalsozialistische Grauen begann.

Elser war parteilos, ein Einzelgänger, der sich im Wanderverein und von 1926 bis zum Verbot 1933 bei den Naturfreunden in Konstanz, unter politisch Gleichgesinnten, heimisch fühlte. Die Naturfreunde waren in ihrer großen Mehrheit standhafte Gegner von Kriegspolitik und Faschismus. Elser verweigerte den Hitlergruß, wurde Mitglied im Rotfront-Kämpferbund. Der Schreinergeselle von der schwäbischen Alb wollte, wie er seinem Freund Eugen Rau anvertraute, die „Regierung in die Luft sprengen, da Deutschland sonst keine Zukunft“ hätte. Er wollte, wie in den Vernehmungsprotokollen der Gestapo zu lesen ist, „den Krieg verhindern“.

Dafür hat Elser, das moralische Gegenstück zu den Nazis, alles gewagt: 200 Pulverpressstücke an seiner Arbeitsstelle in Heidenheim geklaut, dort gekündigt und als Hilfsarbeiter in einem Steinbruch gearbeitet, um an Sprengstoff zu kommen, und sich in mehr als 30 Nächten unerkannt in München im Bürgerbräukeller einsperren lassen, um nachts, jedes Mal wenn die Wasserspülung lief, die Säule hinter dem Rednerpult mit einem Meißel auszuhöhlen, um dort die Bombe zu platzieren. Die Bombe explodierte um 21.20 Uhr im Bürgerbräukeller, wo sich alljährlich die „Alten Kämpfer“ trafen. Die Explosion hätte Hitler und seinen engsten Zirkel – Goebbels, Hess, Himmler, Heydrich, Rosenberg und Streicher – getötet, wäre nicht an diesem Abend in München dichter Nebel gewesen.

Um kein Risiko einzugehen, verließ Hitler deshalb unerwartet früh um 21.07 Uhr den Veranstaltungsort, um einen Sonderzug nach Berlin zu nehmen, statt am nächsten Morgen das Flugzeug. Dadurch ging das dort seit November 1938 sorgfältig geplante Attentat schief. Der Sprengsatz explodierte wie geplant, aber dreizehn Minuten zu spät. Dreizehn Minuten, diese kurze Zeitspanne machte Georg Elser zu einem tragischen Helden. Fast zeitgleich zu dem Attentat wird er an der Schweizer Grenze von zwei Zollbeamten festgehalten und der Geheimen Staatspolizei übergeben. Als persönlicher Gefangener Hitlers kam er in die KZ Sachsenhausen und Dachau, wo er auf dessen Befehl kurz vor Kriegsende durch Genickschuss getötet wurde.

Die Tat Elsers wurde kaum anerkannt. Er wurde sogar lange Zeit als angeblicher Agent des britischen Geheimdienstes diffamiert. Warum ist unser Land, warum ist die deutsche Politik so geschichtslos? Ist das die Folge eines längeren Prozesses der Entpolitisierung, die bei den politischen Akteuren tiefe Spuren hinterlassen hat? Liegt es an der bis heute zu wenig eingestandenen Schuld des „bürgerlichen Lagers“ am Aufstieg des Nationalsozialismus? Ist die Ursache ein Zeitgeist neuer Weltgeltung, der den Revisionismus in der Schuldfrage am Ersten Weltkrieg fördert und wieder nach militärischer Stärke ruft?

Das Schweigen zu Elser wie auch die Verdrängungen des Jahres 2014 müssen uns wachsam machen – auch und gerade, weil heute wieder nach einer militärischen „Normalität“ gerufen wird. Die Politik der Zurückhaltung war das, was unser Land aus den Jahrhundertkatastrophen lernen musste. Und das hat Europa gutgetan.

Michael Müller ist Bundesvorsitzender der Naturfreunde Deutschland und ehemaliger Staatssekretär im Bundesumweltministerium.

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