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Kolumne

Unerreichbare Gipfel

  • Petra Kohse
    VonPetra Kohse
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Henry Worsley wollte die Antarktis durchqueren. Er musste geschwächt aufgeben. Wenig später starb er an den Folgen.

Vor genau einer Woche gab der britische Südpoltrekker Henry Worsley auf. 913 von 934 Meilen weit war er gekommen bei einer Gewalttour von der Atlantik- zur Pazifikseite der Antarktis. Er wollte den sechsten Kontinent an seiner schmalsten Stelle zu Fuß durchqueren und damit vollbringen, was Sir Ernest Shackleton und der Mannschaft der Endurance vor 100 Jahren nicht gelungen war, weil das Schiff noch vor der Landung im Packeis zerbrach.

Henry Worsley bewegte sich 70 Tage lang durch die „weiße Dunkelheit“ und schickte regelmäßig Sprachnachrichten und Fotos, die von der Unterstützerwebsite „Shackleton Solo“ getwittert wurden. Er verlor 25 Kilo Körpergewicht, einen Zahn und schließlich all seine Kraft. Am 22. Januar meldete er: „Meine Reise ist zu Ende. (...) Es ist mir gänzlich unmöglich, noch einen Ski vor den anderen zu setzen, um die Entfernung zu überwinden, die mich von meinem Ziel trennt. Viele Bergsteiger kämpfen immer wieder vergeblich darum, den Gipfel zu erreichen. Mein Gipfel ist schlicht unerreichbar.“

Am gleichen Tag wurde der 55-Jährige nach Punta Arenas in Chile geflogen, wo er letzten Sonntag an Schwäche, Dehydrierung und den Folgen einer Bauchfellentzündung starb. Henry Worsley, der eine Frau und zwei Kinder hinterlässt, war ganz alleine aufgebrochen. Mit 150 Kilo Gepäck, die er hinter sich herzog und deren Lebensmittelanteil ihm für die auf 80 Tage angelegte Tour genügen musste. Er gestattete es sich nicht einmal, die Vorräte im Camp der Wissenschaftler am geographischen Südpol aufzufüllen.

Der ehemalige Offizier des britischen Militärs, der bereits 2008 und 2011 zwei Südpolarreisen anführte, die an die Zenarien historischer Expeditionen erinnerten, hatte alles akkurat geplant. In einem Video beschreibt er auf „Shackleton Solo“ seinen vorgesehenen Tagesablauf im Detail. Dabei steht er vor einem Foto der Endurance-Mannschaft, deren Kapitän Frank Worsley hieß – möglicherweise ein Großonkel.

Schon als Kind interessierte sich Henry Worsley für die Antarktis, und noch in der letzten Nachricht nannte er Shackleton seinen „Helden“. Er wollte ihm nahekommen mit dieser Südpolquerung unter Bedingungen wie damals. Nebenbei war es Worsley ein Anliegen, mit der Tour Spenden in Höhe von 100 000 britischen Pfund für den Endeavour Fund zugunsten verletzter britischer Soldaten zu sammeln. Für Kollegen, die ihre Karriere nicht so gut überstanden haben wie er. Auch hier diese Mischung aus Treue und Ehrgeiz, die einem eisern vorkommt, weil der Einsatz so hoch war.

Unter den Augen von David Beckham (als Freund aller Sportlichen) und Prinz William, der zu den Gründern des Endeavour Funds gehört, schuf Henry Worsley Shackleton und Englands Versehrten in der Antarktis ein Denkmal – und zwar mit seinem eigenen Körper. Die Twitter-Fotos dokumentieren, wie der Abenteurer in den letzten Wochen verfiel. Hat Durchhalten noch einen Eigenwert? Im Moment des Aufgebens fühlte sich Worsley, das geht aus seiner letzten Nachricht explizit hervor, Shackleton, der im Jahre 1909 eine Polexpedition abbrach, am nächsten. Anders als dieser erkannte Worsley seine Grenze aber erst, als er darüber hinaus war. „Mein Gipfel ist schlicht unerreichbar“ – es war wohl das Unmögliche selbst, das er suchte. Und fand.

Petra Kohse ist Autorin.

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