Berlin

Unentdeckte Erfindungen

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Unsere Hauptstadt kann es noch zu Weltruhm bringen: Sie hat etwas, das es sonst nirgendwo gibt: Einen Flughafen, der uns das Fliegen abgewöhnt. So einfach kann CO2-Sparen sein. Die Kolumne.

Berlin ist nicht gerade als Erfinderhauptstadt bekannt. Weil mir als lokale Innovationen auf Anhieb nur Currywurst und Döner Kebab einfielen, habe ich mal intensiv drei Sekunden lang im Internet recherchiert und herausgefunden, dass hier außerdem der Computer, das Teelicht sowie das nahtlose Kondom erfunden worden sind. Immerhin. Damit hat Berlin doch alles hervorgebracht, was man so für ein gelungenes Internetdate braucht.

Heutzutage heißen Erfinder in dieser Stadt Start-up-founder und denken sich zum Beispiel Onlineangebote aus, die in den USA bereits erfolgreich waren, nur jetzt eben halt auf Deutsch. Dafür bekommen sie Investorengelder und staatliche Subventionen und erfinden dann Steuerschlupflöcher sowie immer noch schlechtere Arbeitsbedingungen.

Manche Neuentdeckungen werden aber erst später in ihrer ganzen Wichtigkeit erkannt. Dass Sildenafil etwa, der Wirkstoff in Viagra, gegen Erektionsstörungen hilft, kam eher zufällig heraus. Eigentlich sollte er nur den Blutdruck senken. Tatsächlich aber kann Sildenafil unter Umständen noch besser zu einem gelungenen Onlinedate beitragen als ein Teelicht.

Nun wurde auch in Berlin Tegel etwas erfunden, dessen Tragweite uns noch gar nicht richtig bewusst geworden ist. Dabei könnte es uns helfen, die 2,5 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen einzusparen, die durch die kommerzielle Luftfahrt verursacht werden. Ich komme gerade aus meinem verspäteten Sommerurlaub in Italien zurück und wundere mich, dass hier noch niemand das Potenzial des dortigen Flughafens erkannt hat.

Tegel war ja ursprünglich nur für einen Bruchteil der 22 Millionen Fluggäste ausgelegt, die letztes Jahr abgefertigt wurden. Aber wenn dieser Flughafen etwas kann, dann Leute abfertigen. Und wie!

Wer den Fehler begeht, nicht nur mit Handgepäck zu reisen, verbringt das erste Drittel seines Urlaubs in der Schlange vor der Gepäckaufgabe, nur um dann den Rest für Sicherheitskontrolle und gedrängtes Rumstehen in Containern aufbringen zu müssen. Wer dann noch genug Urlaubstage hat, um tatsächlich wegzufliegen, wird irgendwann auch leider zurückkommen zu müssen.

Wurde früher nach einer Landung geklatscht, ist es heute Tradition, dass man noch ein bisschen länger im Flieger verweilt. Das ebenso unterbezahlte wie unterbesetzte Bodenpersonal kommt nämlich nicht damit hinterher, Gangways an die Maschinen zu bringen. Während ich noch eine Stunde nach meiner Landung aus Neapel am ruhenden Fließband auf meinen Koffer wartete, kam mir die Vorstellung eines weiteren Fluges unter solchen Bedingungen komplett absurd vor.

Nichts gegen Currywurst und Teelicht, aber ich glaube, dass diese Erfindung wirklich bahnbrechend sein kann: der Flughafen, der uns das Fliegen abgewöhnt. Jetzt unterstütze ich nicht nur das Anliegen der Berliner FDP, Tegel nach Eröffnung des BER beizubehalten, sondern gehe sogar weiter und fordere, BER zu vergessen und nur noch mit Tegel weiterzumachen.

Und damit nicht genug. Tegel sollte Modellflughafen für alle Städte weltweit werden. Sofort würde der private und geschäftliche Flugverkehr aufs allerwesentlichste reduziert werden. Ich sage es nicht ohne Stolz, aber vielleicht sind wir doch eine Erfinderhauptstadt. Es weiß nur noch niemand.

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