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Ein umstrittener Künstler

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Von: Harry Nutt

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Ai Weiweis Werkschau löst kontroverse Debatte aus.

Berühmt wurde der chinesische Künstler Ai Weiwei erst in zweiter Linie als Künstler. Seine weltweite Bekanntheit ist vor allem seiner Bedeutung als Dissident zuzuschreiben. Gerade deshalb geriet er zuletzt in die Kritik. Manche finden, seit seiner Entlassung aus dem Hausarrest sei Ai Weiwei gegenüber dem chinesischen Parteiregime auffällig milde gestimmt. Der in der Londoner Royal Academy of Arts gezeigten Werkschau begegneten die Kritiker zunächst mit Vorsicht. Es schien, als wolle man sich von dem Effektkünstler nicht überrumpeln lassen. Die „Times“ glaubte darauf hinweisen zu müssen, er wende immer den gleichen Trick an, spektakuläre Installationen in einen chinesischen Kontext zu setzen. Der „Daily Telegraph“ spricht angesichts der Größe der Installationen und Skulpturen von Megalomanie und erwähnt, dass Ai selbst zugebe, als Dissident berühmt geworden sei. Zu einer aktuellen Kritik will sich das Blatt nicht erst hinreißen lassen. Erst in späteren Jahrzehnten werde man entscheiden können, wie großartig seine Kunst wirklich sei.

Das „Handelsblatt“ weist darauf hin, dass die westliche Kritik am mit dem Regime paktierenden Künstler mehr als widersprüchlich ist. „In seiner monumentalen Ritualität ist das meiste dieser Ausstellung von schlichter und klarer Emotionalität. Das beste Werk steht im Vorhof: ein wuchtiger Wald von Bäumen, die aus totem Holz zusammengedübelt wurden, jeder der Idee des Baumes näher als der andere. Eine solche Kunst, die wie ein Ritual das Tote lebendig, das Zerstörte heil, das Vergessene erinnert machen will, kann nicht nur in Dissens verharren. China und Weiwei brauchen einander. Vielleicht hat die Annäherung zwischen Ai Weiwei und dem Regime ihre Richtigkeit. Wir, die wir dieses Regime mit wirtschaftlichem Handel und Wandel profitabel selbst unterstützen, sollten die letzten sein, die sich darüber entrüsten.“

„Zeit online“ trägt ästhetische Einwände gegen den Künstler vor: „Er beschäftigt bis zu 100 Mitarbeiter in seiner Werkstatt. Manches lässt er in derart gewaltiger Stückzahl fertigen, dass man sich fragen kann, inwieweit seine Kunst von jenem ausbeuterischen System profitiert, das der Künstler zugleich kritisiert. Im Westen hätte er die Stahlstangen nicht gerade hämmern lassen. Es wäre schlicht zu teuer geworden. So aber sind viele seiner Kunstwerke von einer Perfektion, die sie wie handwerkliche Wunderstücke – eine Kinderkarre aus Marmor! Ein Schädel aus Porzellan! – aussehen lassen. Daran müsste sich niemand stören, zumal einem die Makellosigkeit von Jeff Koons, Damien Hirst und all den anderen Künstlern vertraut ist, die ihre Werke in großen Manufakturen fertigen lassen. Doch wollte Ai ja gerade nicht so sein wie diese, nicht zynisch und marktversessen. Nun merkt er, wie er sich in widerstreitenden Ansprüchen verheddert.“

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