Gastbeitrag

Wie umgehen mit Trumps Amerika?

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Die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland haben sich verschlechtert. Es ist nicht leicht, dies wieder zu ändern.

Ich lebe als US-Amerikanerin nun seit über dreißig Jahren in Deutschland. Daher sind mir Phasen des stärkeren anti-amerikanischen Sentiments bekannt. Ich denke an die achtziger Jahre zur Zeit der Stationierung der Pershing II-Raketen. Damals hieß es: „Je kürzer die Reichweite, umso toter die Deutschen.“ Ich erinnere mich auch gut an die US-geführte Koalition der Willigen und deren umstrittenen Einmarsch in den Irak 2003. Damals in Freiburg wurde ich mehrfach gebeten, an Unterschriftensammlungen teilzunehmen: „gegen die Amis“. Und nun denke ich an die Epoche Donald Trumps.

Die Absage des Deutschland-Besuchs von US-Außenminister Mike Pompeo vor einiger Zeit und das Fernbleiben Donald Trumps wirft Fragen auf. Hat das extreme Abkühlen des deutsch-amerikanischen Verhältnisses mit Trumps Europa-Strategie zu tun – sofern er eine hat? Hat es mit einer Antipathie gegen Deutschland zu tun, wegen des Handelsdefizits, wegen der deutschen Flüchtlingspolitik oder wegen Deutschlands historisch begründeter Abneigung gegen Aufrüstung?

Oder hasst Trump einfach Merkel? Weil sie teils stärkere mediale Aufmerksamkeit als er bekam, beispielsweise als sie 2015 vom US-Nachrichtenmagazin „Time“ zum Menschen des Jahres auserkoren wurde und weil sie mindestens bis zu den bayrischen und hessischen Wahlen im Herbst 2018 als Kanzlerin Europas gepriesen wurde, oder weil sie eine Rationalistin ist, während er eine Politik des Affekts betreibt?

Trump ist ahistorisch. Merkel hingegen wies beim Nato-Treffen vergangenen Sommer darauf hin, sie wisse sehr wohl, wie es war als ein Teil Deutschlands unter der Kontrolle der Sowjetunion stand. Oder missbilligt Trump Merkel, weil sie entfernt optisch und charakterlich seiner früheren Feindin Hillary Clinton ähnelt?

Merkel hat sich auf ihre erste Begegnung mit Trump in Washington im März 2017 gründlich vorbereitet. Sie tat das auf dieselbe Weise, in der ich versuche, Studierenden meiner Seminare diese Präsidentschaft nahezubringen. Sie las sein frühes Interview im „Playboy“ und auch seine Memoiren „Trump: The Art of the Deal“ (1987). Sie studierte seine Selbstinszenierung in der Reality Show The Apprentice.

Folgende Muster hätte sie feststellen können: Trump benutzt einen agonistischen Diskurs – er behauptet, er spreche für das wahre Volk und gegen alle seine Feinde. Nur er vermag dieses Volk zu vertreten und für es zu kämpfen und ihm zu seiner wahren Größe zurückzuverhelfen. Er zeigt auf vermeintliche Feinde – China, Iran, Europa, Mexiko – die dieses Volk von seiner angeblichen Größe zurückhalten.

Dabei beschwört er eine Nostalgie für ein verlorengegangenes Amerika und insistiert auf der Viktimisierung nicht nur seiner selbst, sondern aller Mitglieder der ehrlichen „Working Class“, denen gesellschaftliche Stellung und gut bezahlte Jobs genommen wurden, angeblich auch durch importierte deutsche Autos und dadurch, dass Nato-Mitglieder wie Deutschland nicht bereit seien, für ihre Sicherheit zu zahlen.

Von früh an gab Trump zu verstehen, sei es ihm egal, wenn negativ über ihn berichtet werde, solange er den Löwenanteil der Aufmerksamkeit genieße. Insofern ist es unklar, ob Trump seine Anti-Merkel- und Anti-Deutschland-Rhetorik dafür einsetzt, um andere große Rüpel wie den russischen Präsidenten Wladimir Putin, zu beeindrucken, oder um seinem Dominanzgebaren Raum zu verschaffen, oder einfach, weil er gehört wird, wenn er brüllt.

Die Euphorie für den ehemaligen US-Präsident Barack Obama hielt in Deutschland länger an als in den USA, wo er gewählt wurde. Die deutsche Antipathie gegen Trump hat auch eine andere Schattierung als die seiner vielen Gegner in Amerika. Diese deutsche Enttäuschung über ein Amerika unter Trump ist historisch fundiert.

Ich erinnere mich gut an die starke Emotionalität der 50-Jahr-Feier von Kennedys „Ich bin ein Berliner-Rede“ im Frankfurter Haus am Dom im Jahre 2013 und wie die Zeitgenossen von Kennedys Besuch in Deutschland bei der Erzählung darüber feuchte Augen bekamen. Amerika war das Rettende und der große wohlmeinende Freund. Das ist es unter Trump wohl nicht mehr und auch nicht unter Pompeo, der den Multilateralismus ablehnt.

Die Antwort darauf ist nicht ein Amtsenthebungsverfahren. Das ist nach der US-Verfassung zu schwierig zu realisieren. Ich halte es auch für unrealistisch zu glauben, dass die Ära Trump spätestens Ende 2020 zu Ende sein wird. Ein amtierender Präsident wie Trump lässt sich nur schwer abwählen. Mit ihren mehr als 20 möglichen Kandidatinnen und Kanditaten weiß auch die demokratische Partei noch nicht, was sie will. Die Antwort muss eine deutsche und europäische Strategie sein, wie mit diesem ablehnenden und unilateralen Amerika umzugehen ist.

Greta Olson ist Amerikanistik-Professorin an der Uni Gießen.

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