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So verändern Reporterinnen den Blick auf den Ukraine-Krieg

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Reporterinnen beleuchten in Konflikten oftmals andere Schicksale, schreibt Katrin Eigendorf, etwa die ziviler Opfer, wie hier in Saporischschja.
Reporterinnen beleuchten in Konflikten oftmals andere Schicksale, schreibt Katrin Eigendorf, etwa die ziviler Opfer, wie hier in Saporischschja. © imago

Im Krieg Russlands gegen die Ukraine werden Frauen auf vielfältige Weise zu Opfern. Das geht in der der Berichterstattung zu oft unter. Ein Gastbeitrag von Katrin Eigendorf.

Frankfurt – „Diese Opfer könnten wir sein“, hat Außenministerin Annalena Baerbock Anfang Mai 2022 bei ihrem Besuch im Kiewer Vorort Butscha gesagt. Und ich glaube, es ist hängt auch damit zusammen, dass die deutsche Außenpolitik zum ersten Mal von einer Frau vertreten wird, dass sich der Blick auf die Ereignisse verändert hat, dass die Opfer – vor allem die zivilen – in den Mittelpunkt gerückt sind, auch für die Politik.

Jahrhundertelang haben Männer die Außenpolitik geprägt und es waren ebenso Männer, die darüber berichtet haben. Wir haben die Kriege – ob in Vietnam, im Libanon oder Irak – lange fast ausschließlich aus der männlichen Perspektive erlebt, und als ich mich selbst 1984 entschied, Journalistin zu werden, suchte ich vergeblich nach weiblichen Vorbildern. Der typische Auslandskorrespondent war damals männlich, weiß, über 40, mit akademischer Ausbildung. Das änderte sich erst mit dem Beginn des Jugoslawienkrieges.

Kriegsschicksale von Frauen werden wichtiger

CNN ernannte Christiane Amanpour zur internationalen Chefkorrespondentin: jung, weiblich, mit Migrationshintergrund. Sie stellte die lange geltende Gewissheit, dass Frauen nicht an die Frontlinie eines Krieges gehören, genauso in Frage, wie das Credo, dass Journalisten mit emotionaler Distanz berichten sollten. Amanpour dagegen bekannte 1993 aus der umkämpften bosnischen Hauptstadt Sarajewo: „Man muss aus Stein sein, um nicht mit diesen Menschen zu fühlen, über die man berichtet, wenn man ihre verzweifelten Leiden, Tragödien und Wunden sieht. Und darüber kann man nicht in einer kalten, objektiven Art berichten.“

Mit der wachsenden Zahl weiblicher Reporter veränderte sich auch der Blick auf die Kriege und Konflikte: Die Schicksale von Frauen erhielten plötzlich mehr Bedeutung, und es ist kein Zufall, dass in Jugoslawien erstmals ausführlich über Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung berichtet wurde. Medienfachleute fordern seit langem schon mehr Vielfalt und diverse Perspektiven, kritisieren, dass der weibliche Blick zu kurz komme. Der Fokus der Kriegsberichterstattung liegt immer noch viel zu sehr auf dem Schlachtfeld als auf den zivilen Opfern.

Es gibt zahlreiche Studien, die die Einseitigkeit der Berichterstattung mit Zahlen untermauern und zeigen, dass fehlende Diversität in der Auslandsberichterstattung – vor allem in Konfliktregionen – gravierende Konsequenzen hat. Krieg, das sehen wir derzeit auch in der Ukraine, ist eine menschliche Ausnahmesituation, die mit tragischen und tiefgreifenden Veränderungen einhergeht, nicht nur für die einzelnen Menschen, auch für das gesamte gesellschaftliche Gefüge eines Landes.

Vor allem Männer sind Akteure im Ukraine-Krieg

Dabei sehen wir in der Ukraine derzeit vorrangig Männer als Akteure: Einen mutigen und anpackenden Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der umgeben ist von einem Team männlicher Vertrauter. Minister, Bürgermeister, Generäle, Soldaten, die die Welt mit ihrem entschlossenen Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit beeindrucken. Dass 2016 bereits 8,5 Prozent der ukrainischen Soldaten Frauen waren und es inzwischen mehr als 15 Prozent sind, zeigt sich selten in der Berichterstattung, dabei wäre es durchaus spannend, die Geschichte der mehr als 38 000 Ukrainerinnen zu erzählen, die ihren Dienst in der ukrainischen Armee tun.

Zur Person

Katrin Eigendorf (60) berichtet seit den 90er Jahren für das TV. Seit 1999 ist sie beim ZDF. Ihre Schwerpunkte dort sind Russland, der Kaukasus, Nah- und Mittelost. Am Mittwoch wurde sie als „Journalistin des Jahres“ ausgezeichnet.

Der Krieg trifft die Ukrainerinnen auf besondere Art: Auch weil die Männer in der Armee und der Territorialverteidigung kämpfen, bleiben sie oft alleine zurück mit der Verantwortung für die Kinder, und fallen damit auf Rollenbilder zurück. Und weil Russlands Krieg sich vor allem gegen die Zivilbevölkerung richtet, erleben Frauen sexuelle Gewalt. Dabei waren die Ukrainerinnen gerade erst dabei, ihre Gleichberechtigung mühsam zu erringen. Im Parlament sind unter den 420 Abgeordneten gerade einmal 86 Frauen. Auch im Kabinett sind Männer nach wie vor in der großen Mehrheit: Von 23 Ministern sind nur fünf weiblich.

Dass Reporterinnen zu diesen Themen oft einen anderen Zugang haben, zeigt sich immer wieder. Doch immer noch hält sich in den Chefetagen vieler Medienhäuser die Überzeugung, Männer seien die besseren Kriegsberichterstatter. Meiner Einschätzung nach liegen die echten Hürden für Auslandsreporterinnen jedoch nicht in Afghanistan, in Syrien oder der Ukraine, sondern – und das mag überraschen – in Deutschland.

Werner-Holzer-Preisträgerin

FR und Karl-Gerold-Stiftung vergeben Preis an Katrin Eigendorf für ausgezeichneten Auslandsjournalismus

2014, dem Jahr, in dem Russland mit der Einnahme der Krim seinen Krieg gegen die Ukraine begann, kritisierte der Verein „Pro Quote“, dass das ZDF aus dem Ausland fast ausschließlich aus Männersicht berichte. Zu diesem Zeitpunkt wurden nur zwei der insgesamt 19 Auslandsstudios von Frauen geleitet: Moskau und London. In vielen anderen deutschen Medienhäusern sieht die Lage nicht anders aus.

„Mein Fahrer wurde verprügelt“

Auch in der Folge tat sich wenig, um zu gewährleisten, was die damalige „Pro Quote“-Vorsitzende Annette Bruhns anmahnte: Dass Frauen und Männer sich in den Medien auf Augenhöhe begegnen können. Dabei bewiesen gerade in der Ukraine im Jahr 2014 viele deutsche Journalistinnen, was Frauen leisten können. ARD, ZDF, aber auch fast alle großen Zeitungen waren während des Krieges im Osten des Landes aber auch während der Proteste auf dem Maidan mit vielen Reporterinnen vertreten.

Dass es in heiklen Situationen von Vorteil sein kann, Frauen im Team zu haben, machte Welt-Reporterin Julia Smirnova klar, die berichtete, wie sie an einem Check-Point in Slawjansk von pro-russischen Separatisten angehalten wurde: „Mein Fahrer wurde verprügelt. Mir sagte ein Rebell: Wenn Du nicht eine Frau wärst, würde ich Dir auch in die Fresse hauen.“

Doch auch acht Jahre später fehlt es in der deutschen Medienlandschaft an prominenten Kriegsberichterstatterinnen. Anders als in den USA, wo Christiane Amanpour mit Clarissa Ward längst eine junge Nachfolgerin als Chefkorrespondentin hat, die in Afghanistan ebenso wie in der Ukraine die Berichterstattung prägt, nehmen in Deutschland Frauen inzwischen selbst in die Hand, was in den Chefredaktionen versäumt wurde. Die Initiative „Deine Korrespondentin“ gibt dafür das beste Beispiel. (Kathrin Eigendorf)

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