Contra Widerspruchslösung

Übergriffig

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Was ist das für ein Staat, in dem ich mir nicht mehr selbst gehöre? In dem ich mir das Verfügungsrecht über meinen Körper nur mit einem erklärten Nein zurückholen kann? Was kommt als Nächstes?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei alles längst gesagt. Falsch. Die Debatte, so wie sie bisher im politischen Raum geführt wurde, ist auffallend unterbelichtet. Das zeigt sich zuallererst daran, dass viele Befürworter der Widerspruchslösung geradezu mantra-artig mit scheinbar eindeutigen Zahlen sowie Vergleichen mit Nachbarländern argumentieren: Demnach verspricht angeblich nur der Gesetzesvorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn eine signifikant höhere Zahl von Transplantationen. Für manche seiner Unterstützer erübrigt sich damit jede weitere Diskussion. So einfach, so unterkomplex.

Wo Zweifel an der Interpretation von Zahlen keinen Platz haben, drängt sich der Verdacht auf, dass dieses diskursive Muster auf Wunschdenken beruht. Stark, mächtig – und verständlich. Denn es entsteht aus der allerbesten Absicht, Leben zu retten und Leid zu lindern. Das Fatale daran ist: Es simplifiziert Grenzfragen des Lebens oder stellt sie erst gar nicht. Es blendet Mehrdeutigkeiten aus. Es überdehnt den Begriff der Spende. Und es verharmlost in erschreckender Weise die Folgen des angestrebten Paradigmenwechsels für das Verhältnis von Individuum und Staat.

Bei der Organspende richtet sich der Blick natürlich zuerst auf die Not des Schwerkranken. Es geht aber auch um die Würde und die körperliche Integrität (auch postmortal) des potenziellen Spenders. Zentral, aber zu wenig beachtet, ist da die Frage: Wie verändert sich das Sterben eines Menschen, der bereit ist, seine Organe zu spenden? Dazu erläuterte Stephan Salm, Chefarzt und Medizinethiker, kürzlich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Die Widerspruchslösung schließt ein, dass jeder als potenzieller Organspender die Fortsetzung einer für ihn nicht nützlichen Behandlung vor dem Tod zu ertragen bereit sein soll.“ Als Beispiele nannte er eine maschinelle Beatmung, eine Nierenwäsche oder bei Kreislaufversagen eine Kompression des Brustkorbes. Das dürfte nur wenigen bekannt sein. Salm wirft der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) „Irreführung durch Beschweigen“ vor.

Wie lässt sich der Wunsch, am Lebensende nicht einer Apparatemedizin ausgeliefert zu sein, mit einer Organspende in Einklang bringen? Wann kollidieren Patientenverfügung und Spendenbereitschaft? Wie werden meine Angehörigen mit der Situation umgehen? Solche Fragen verunsichern viele Menschen und überfordern sie. Ihre verdrängten Ängste sind keineswegs banal. Und niemand darf sie mit der lapidaren Bemerkung abtun, ein erklärtes Nein sei jedem Menschen zuzumuten, der eine Organspende ablehnt. Wer einerseits beklagt, dass Menschen den letzten Fragen ausweichen, darf nicht andererseits genau darauf setzen: dass sie schon nicht widersprechen werden, wenn sie der Staat vereinnahmt. Das ist unredlich.

Denken wir die Dinge zu Ende: Was ist das für ein Staat, in dem ich mir nicht mehr selbst gehöre? In dem ich mir das Verfügungsrecht über meinen Körper nur mit einem Widerspruchsakt, einem erklärten Nein, zurückholen kann? Was kommt als Nächstes? Noch hält der Datenschutz, aber der Weg zur kollektiven Spende von hochsensiblen Patientendaten ist nicht weit. Es gibt im Hause Spahn erste Pläne für eine gigantische medizinische Datenbank. Alles für die Forschung und für das Ziel, Leben zu retten.

Die Organspende ist ein ganz besonderer Akt der Solidarität. Diese Form der Mitmenschlichkeit aus einem informierten freien Willen heraus verdient größten Respekt – und darf genau deshalb weder verordnet noch erschlichen werden.

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