ANALYSE

Fachkräfte aus dem Ausland

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Deutschland braucht dringend Fachkräfte aus dem Ausland. Sie kommen nur, wenn ihre Interessen berücksichtigtwerden und nicht nur die der Firmen.

Deutschland ist nur mäßig attraktiv. Für internationale Spezialisten und Fachkräfte gibt es bessere Länder. Länder, in denen sie willkommen sind, in denen ihre Abschlüsse anerkannt werden. Länder, in denen die Bürokratie nicht dafür gemacht wurde, zu verhindern, sondern zu ermöglichen. Zu dieser Einschätzung kommen seit Jahren alle Experten, die Deutschlands Anziehungskraft auf hochqualifizierte Einwanderer untersuchen.

Auch der Fachkräftegipfel bei Kanzlerin Angela Merkel am heutigen Montag wird die Grundprobleme sicher nicht lösen. In der gemeinsamen Absichtserklärung ist von einer „Anwerbe-Offensive“ die Rede, als würde Deutschland sich einfach nur zu schlecht vermarkten. „Deutschland steht international in starkem Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte“, heißt es in dem Papier. „Wir müssen deshalb unsere attraktiven Arbeits- und Lebensbedingungen besser präsentieren, um das Interesse ausländischer Fachkräfte zu wecken.“

Dass es um die Bedingungen selbst gehen könnte, scheint den Regierungsspitzen dabei nicht ganz klar zu sein. Ein Blick in andere Einwanderungsländer, also die direkte Konkurrenz, würde da helfen. In Norwegen wird in einem „Turbo-Verfahren“ geprüft, ob die erworbene Qualifikation zum Berufsprofil passt – noch vor der offiziellen Anerkennung von Abschlüssen. In Kanada wird bei Hochqualifizierten die ganze Familie nicht nur mit Visa versehen, sondern passgenau betreut – Arbeitsmöglichkeiten für den Partner, schulische Anerkennung für die Kinder inklusive.

In Deutschland ist solch eine Dienstleistungs-Orientierung der Behörden noch schwer vorstellbar. Hier geht es um Bürokratie und Technik, was nicht falsch ist, aber an der Arbeitsweise wenig ändert. Schnelle Visa-Erteilung, papierlose Übermittlung, mehr Sprachkurse in Goethe-Instituten, eine „Anwerbeoffensive“ für Mittelständler – all das verspricht der Gipfel. Und fast alles ist eindimensional vom Standpunkt der Firmen gedacht, nicht von den Fragen und Bedürfnissen der potenziellen Einwanderer.

Der sprichwörtliche Arzt mit russischem Abschluss, der in Deutschland Taxi fuhr, beschreibt den Zustand der 1990er Jahre. Weil die Anerkennung ausländischer Abschlüsse ewig dauerte, sind viele Neu-Einwanderer auf andere Jobfelder ausgewichen, um Geld zu verdienen. Das Problem ist erkannt – aber noch lange nicht gebannt.

Allzu viele Einwanderer aus Nicht-EU-Staaten mit akademischem Abschluss arbeiten hierzulande noch weit unterhalb ihres Ausbildungsniveaus. Deutschlands Einwanderungssystem leidet immer noch an den Jahrzehnten der Selbstverleugnung („Deutschland ist kein Einwanderungsland“) und der daraus folgenden mangelnden Trennung zwischen Flucht- und Arbeitsmigration. Das ändert sich erst langsam.

Die Diskussion um den „Spurwechsel“ zwischen Asyl- und Einwanderungsverfahren zeigte, wie mangelhaft die Denkweise und wie grundlegend kaputt das hiesige System eigentlich ist. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz stellt einen für Deutschland fast schon revolutionären Wechsel dar.

Es muss aber auch richtig gehandhabt werden – durch einen ganzheitlichen Ansatz bei der Einwanderungsberatung. „Unsere Firmen suchen händeringend Fachkräfte“, sagt die Kanzlerin gleich mehrfach in ihrer Videobotschaft vom Wochenende. Aber eine Regierung hat nicht nur die Verantwortung, die Wirtschaft mit Arbeitskräften zu versorgen, sondern muss auch die Folgen für die Beschäftigten und auch die Herkunftsländer mitdenken.

Tarifflucht und Dumpinglöhne müssen ebenso vermieden werden wie ein ungebremster „brain drain“ in den Herkunftsländern. Bereits jetzt leiden osteuropäische Krankenhäuser, aber auch Verkehrsunternehmen unter extremem Personalmangel – Ärzte und Busfahrer gleichermaßen sind in den goldenen Westen aufgebrochen. Hier braucht es eine Solidarität innerhalb der Europäischen Union, zum Beispiel über Austausch- und Qualifizierungsverträge.

Doch ein Gutes gibt es: Der Wandel ist in Deutschland angekommen. Im Kriterium „Vielfalt“ schneiden andere Länder schlechter ab – Alltagsrassismus gibt es leider überall. Für Deutschland kann das nur bedeuten, hier nicht nachzulassen und keine Diskriminierung zuzulassen. Ein friedliches Miteinander ist ein Standortfaktor. Vielleicht der wichtigste.

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