Eine Frage der Würde

Warum ich über meine demenzkranke Mutter schreibe

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Die Würde eines Menschen erlischt nicht im gnadenlosen Prozess des Verfalls. Unser Kolumnist reagiert auf eine empörte Leserreaktion.

Auf meine zuletzt an dieser Stelle veröffentlichte Kolumne erhielt ich eine empörte Zuschrift. Es sei unerträglich, schrieb Leser R., wie ich intime Dinge meiner 99 Jahre alten Mutter, aus deren Leben mit Demenz ich in unregelmäßigen Abständen berichte, an die Öffentlichkeit zerre.

Ob ich sie denn um Erlaubnis dafür gebeten habe, wollte Leser R. wissen. Ich habe ihm umgehend geschrieben, seine Frage aber unbeantwortet gelassen, da er sie sich, nicht zuletzt durch den harschen Ton seiner Frage, bereits selbst beantwortet hatte.

Die Erlaubnis meiner Mutter für die Preisgabe von Einzelheiten ihrer prekären Lebenslage habe ich nicht. Sie würde die Frage nicht einmal mehr verstehen. Wenn ich abends zu ihr ins Pflegeheim gehe, berichte ich ihr manchmal, dass ich gerade von der Arbeit komme. Sie nimmt es zur Kenntnis.

Eine Vorstellung davon, worin die Arbeit besteht, hat sie nicht. Und doch kommt es mir vor, als stehe Arbeit für sie noch immer für geordnete Verhältnisse, auf die sie einmal großen Wert gelegt hat. Ja, ich begehe Verrat an ihr. Beim Lesen eines abgeschlossenen Textes habe ich mir jedes Mal die Frage gestellt, was genau es bewirken könne, wenn ich Einzelheiten aus ihrem vergehenden Leben beschreibe. Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht.

Wer mir unterstellt, dass ich vermutlich bloß mein schlechtes Gewissen bearbeite, dem gebe ich recht. Sie hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, und die 22 oder 23 Stunden am Tag, in denen niemand aus ihrer Familie anwesend ist, sind eine bloße Abfolge vergehender Zeit, gelegentlich aufgehellt durch die Fürsorge einer Pflegerin, zu der sie eine positive Beziehung aufgebaut hat.

Sie bringt sie in ihren Gefühlshaushalt ein, als sei sie ein Teil der Familie. Meine Mutter kann dabei immer noch sehr charmant sein. Mein schlechtes Gewissen entlaste ich gelegentlich durch die Annahme oder gar Beobachtung, dass ihr das Leben in den besseren Momenten noch Freude bereitet. Den Tod fürchtet sie nicht mehr, aber sie sehnt ihn auch nicht herbei.

Leser R., der nicht von Texten wie diesen behelligt werden möchte, mag nicht glauben, dass der Demenz auf diese oder ähnliche Weise ein wenig ihr Schrecken genommen werden kann. Er sieht vielmehr die Würde meiner Mutter verletzt, indem ich sie in ihrer ganzen Hilflosigkeit darstelle. Es gibt ja tatsächlich so etwas wie obszöne Intimität, und ich bin wohl nicht derjenige, der zu beurteilen in der Lage ist, ob ich in den Texten über meine Mutter eine Grenze zum Unguten überschreite.

Die Würde meiner Mutter ist tatsächlich verletzt – durch nachlassende Kräfte, durch Vergesslichkeit, durch den Mangel an Abwehrkräften. Indem ich darüber schreibe, vermag ich ihr nicht zu helfen. Keine Zeile verschafft ihr einen besseren Tag.

Und doch fühle ich mich angetrieben von der Vorstellung, sie gerade durch die genaue Beobachtung in ihrem Niedergang noch einmal als Person, die bald einhundert Jahre gelebt haben wird, in Erscheinung treten zu lassen. An meiner Mutter jedenfalls meine ich beobachten zu können, dass die Würde eines Menschen im gnadenlosen Prozess des Verfalls nicht erlischt.

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