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Das TV-Duell entscheidet gar nichts

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Von: Arno Widmann

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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gegen Kanzlerin Angela Merkel: Hat das TV-Duell überhaupt etwas mit dem Wahlausgang zu tun?
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz gegen Kanzlerin Angela Merkel: Hat das TV-Duell überhaupt etwas mit dem Wahlausgang zu tun? © dpa

Das Fernsehduell trägt offensichtlich wenig zur Meinungsbildung bei. Der Leitartikel.

Sonntag in der ARD also statt des Tatorts das Duell. ZDF, RTL und SAT.1 übertragen auch. Fast die halbe Nation wird sich den Zweikampf ansehen wollen. Schon aus sportlichen Gründen. Manche Journalisten glauben, das Fernsehduell am Sonntag sei die letzte Chance für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, seinen erheblichen Rückstand aufzuholen. Da ist doch erhebliche Skepsis angesagt.

Wenn ich mich recht erinnere, hat Angela Merkel bisher jedes ihrer Fernsehduelle verloren und jede ihrer dazugehörenden Wahlen gewonnen. Das Fernsehduell trägt offensichtlich wenig zur Meinungsbildung bei. Wer sich diese Bilanz anschaut, könnte auf die Idee kommen, die Wähler wüssten sehr wohl zu unterscheiden zwischen Darsteller- und Macherqualitäten.

Wer gar zu gut performt, dem gegenüber wächst womöglich das Misstrauen bei der Mehrheit der Wähler, die von jeder Familienfeier her sehr gut wissen, was für schlechte Darsteller sie sind. Und wie gut Onkel Fritz sich dort macht, der ansonsten nichts auf die Beine bekommt.

Das Wahlprogramm? Keiner liest es

Das Fernsehduell beflügelt also die Wählerinnen und Wähler wesentlich weniger, als man denken könnte. Das Wahlprogramm? Keiner liest es. Natürlich finden nicht nur junge Familien es gut, dass die SPD mit kostenlosen Kitaplätzen wirbt. Es lebt sich einfach besser in einer Gesellschaft, die Kindern und ihren Eltern Sorgen abnimmt. Aber selbst in Zeiten deutlich größerer Arbeitslosigkeit als heute hat die Behauptung, man werde bei einem Wahlsieg die Lage der Arbeitslosen verbessern, kaum einer Partei spürbar geholfen.

Man müsse daraus den Schluss ziehen, heißt es jetzt wieder, dass man die eigenen Ziele verständlicher, klarer und weiter zu verbreiten habe. Die Wählerinnen und Wähler werden behandelt, wie schlechte Pädagogen ein lernunwilliges Kind traktieren. Man redet lauter und strenger mit ihm, man gibt ihm noch mehr Hausaufgaben.

Die Wahrheit ist, der Wähler hat seine Erfahrungen gemacht. Mit Wahlprogrammen, mit Wahlparolen und sogar mit Wahlversprechen. Er weiß sie zu nehmen. Sie gehören zur Show. Sie haben mit der Wirklichkeit des Regierens nichts zu tun. Es mag den Wähler freuen, ein paar Wochen lang umgarnt zu werden, aber er weiß, dass er bald fallengelassen werden wird.

Manche Menschen nehmen das übel. Sie überlegen sich, „den Etablierten“ einen Denkzettel zu geben. Aus diesem Potenzial nähren sich inzwischen ganze Parteien. Die meisten Wähler aber haben zwar den Eindruck, dass sie die Parteien bei der Demokratie stören, aber sie nehmen ihnen das, angesichts der im Großen und Ganzen ja erträglichen Lage, nicht weiter übel und wählen, was sie wählen. Ganz unabhängig von Wahlprogrammen, Wahlparolen, Wahlduellen. Die Wählerinnen und Wähler fühlen sich allerdings immer überflüssiger und sind darum auch immer schwerer zum Wahlgang zu bewegen.

Das läge, heißt es immer wieder, daran, dass die Parteien kaum noch grundsätzliche Differenzen hätten, das mache die Wahlentscheidung so schwierig. Das stimmt. Aber wäre es ein Fortschritt, wir müssten uns in Deutschland zwischen einer Partei entscheiden, die wieder eine Mauer errichten und einen Schießbefehl gegen Eindringlinge verhängen würde und einer, die nichts riefe als „Lasset die Kindlein zu mir kommen!“?

Es ist gut, dass das nicht unsere Lage ist. Im Schulunterricht wollte man uns beibringen, wir sollten uns an Sachfragen orientieren. Wir lasen die Parteiprogramme und sollten uns eine Meinung bilden. Völliger Firlefanz. Die Sachfragen verschwinden in dem mehr oder weniger fröhlichen Basar von Koalitionsverhandlungen.

Außerdem: Wir wählen Leute, die die Zukunft bewältigen sollen. Die besteht aus grundsätzlichen Konstellationen, die uns generationenlang begleiten. Aber entschieden wird sie an überraschenden Ereignissen.

Wir lebten in einer anderen Welt, hätte der Präsident der USA nach dem 11. September 2001 nicht zu einem „Kreuzzug“, nicht zu einem „Krieg“ gegen den Terror aufgerufen.

Gerhard Schröder wurde 1998 Kanzler, weil die Nation der Kohl-Regierung überdrüssig war. Es war damals viel vom „Reformstau“ die Rede. Die „Agenda 2010“, die Schröder fünf Jahre später verkündete, hatte damit nichts zu tun. Wir wissen inzwischen, dass Politik nicht nur das Bohren dicker Bretter mit viel zu dünnen Bohrern ist, sondern auch der Versuch, mit immer neuen Wegelagerern fertig zu werden, die hinter jeder Ecke lauern.

Darum zählen für uns mehr die Personen als die Programme. Wem trauen wir zu, dafür zu sorgen, dass wir nicht zerrieben werden in weltweiten Auseinandersetzungen – beispielsweise zwischen den Internetriesen Amazon und Google. Was wird Deutschlands Energieversorgung besser sichern: das Einknicken vor Putin oder die Entwicklung von Alternativen zu den russischen Lieferungen? Das sind Sachfragen, sagen Sie. Richtig. Aber wer kann sie durchsetzen? Das ist unser Kriterium. Wir wissen natürlich, dass wir uns täuschen und dass wir getäuscht werden können.

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