Von Tuten und Blasen keine Ahnung

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Das reale Leben in Deutschland sei dem Hauptstädter fremd, lautet ein beliebter Vorwurf. Wer das glaubt, sollte mal U-Bahn fahren. Am besten auf der Linie 8.

Berlin kann man ja wirklich viel vorwerfen: das Flughafendesaster, eine verfehlte Wohnungspolitik, das Shopping-Center „Alexa“ und den Potsdamer Platz. Meinetwegen auch noch eine gewisse Arroganz. Die ist ja allen Hauptstädten, vielleicht sogar allen Großstädten eigen – also allen Großstädten und München, um genau zu sein.

Was an Stammtischen, in Festzelten und Kommentarspalten aber immer wieder kritisiert wird, sind nicht etwa leberwurstfarbene Einkaufszentren, sondern die Abgehobenheit der Berliner Blase. Ich habe trotz intensivster dreiminütiger Internetrecherche keine allgemeingültige Definition dieser besagten Blase finden können. Für einige besteht sie lediglich aus Bundestagsabgeordneten, andere zählen noch die Presse mit dazu, aber ein großer Teil packt uns der Einfachheit halber da alle mit rein.

Die Berliner, so der etwas schwammige Vorwurf, hätten vom Lebensgefühl der Deutschen keine Ahnung. Das wahre Leben finde außerhalb der Hauptstadt statt. Wir dagegen seien zu linksprogressiv und zu privilegiert, um da mitreden zu können. An dieser Stelle dürfen Marzahner oder Reinickendorfer ruhig ein bisschen hüsteln, denn die Stadt scheint für diese Kritiker nur aus einem Bezirk zu bestehen. Blasenexperte Alexander Dobrindt fasste es diesen Sommer auf einer Veranstaltung des konservativen Berliner Kreises zusammen: „Deutschland ist nicht der Prenzlauer Berg!“

Das müsste er eigentlich schade finden. Ein Bezirk mit so vielen getauften, ehelichen Kindern sollte doch das Herz jedes CSU-Politikers höherschlagen lassen. Aber mal abgesehen davon wissen die Prenzlberger in der Regel ganz gut Bescheid über das Lebensgefühl in anderen Teilen Deutschlands. Deshalb sind die meisten von ihnen ja hergezogen. Und während sich das Lebensgefühl am Starnberger See deutlich von dem in Schwerin unterscheidet, findet man ausgerechnet in Prenzlauer Berg mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beide.

Die Entfernung vom „echten Leben“ wird gemeinhin auch mit finanzieller Privilegierung gleichgesetzt. Mit anderen Worten: Endlich wirft uns jemand mal unseren Reichtum vor! Die Berliner Löhne und Gehälter liegen nur leider deutlich unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. So gesehen wäre das Leben eher in Ingolstadt oder Stuttgart ein Fake. Überdurchschnittlich sind bei uns hingegen Mietsteigerungen und Arbeitslosigkeit. Abgehoben sieht anders aus.

Sollte sich dieser Vorwurf jedoch auch wieder nur an akademisch gebildete Innenstadtbewohner richten, dann wird denen oft im selben Atemzug vorgehalten, dass sie angeblich alle in einer von ihren schwäbischen Eltern bezahlten Eigentumswohnung leben. Aber das spräche auch wieder nur gegen das echte Leben im Süden der Republik. Die können sich dort dann ja anscheinend eine Eigentumswohnung in Berlin leisten.

Es ist also, wie leider alles im Leben, etwas komplizierter, als man sich das an Stammtischen vorstellen kann. Wäre Berlin eine Blase, dann eine sehr große mit vielen Löchern, in die alles hineinpasst: Armut, Dekadenz, links, rechts, Akzeptanz und Ignoranz.

Sonst haben wir zur Not auch die U8, die noch jede Blase zum Platzen gebracht hat. Denn wenn es irgendwo da draußen das echte, wahre Leben gibt, dann zwischen Wittenau und Hermannstraße.

Katja Berlin ist Autorin. 

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