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Leitartikel zum Journalismus-Verständnis

Die Tugend der Wahrhaftigkeit

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Der Eklat um den Nannen-Preis provoziert eine Debatte über ethische Prinzipien in der Medienbranche. Dabei herrscht im Umgang mit hohen Gütern längst Pragmatismus vor.

Zur Legende des berühmten Reporters Egon Erwin Kisch gehört eine Episode, der zufolge er es zu Beginn seiner Karriere mit den Fakten nicht so genau nahm. Für eine Reportage über den Brand der Schittkauer Mühlen in Prag erfand Kisch kurzerhand eine Szene, in der sich zerlumpte Obdachlose um die Flammen drängten und er so auf das soziale Elend in der Stadt aufmerksam machte. Später räumte Kisch reumütig ein: „Ich hätte die Obdachlosenszene entdecken, nicht sie erfinden dürfen.“

Ein anderer Fall von mangelnder Reportergenauigkeit erregt seit ein paar Tagen die Journalisten-Zunft. Dem Spiegel-Reporter René Pfister ist der Henri-Nannen-Preis, der einmal den Namen Egon-Erwin-Kisch-Preis trug, aberkannt worden, weil er in einem Porträt über den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer den Eindruck erweckte, eine Modelleisenbahn in Seehofers Keller persönlich in Augenschein genommen zu haben. Das war aber nicht der Fall. Er kannte Seehofers Schienenstrang nur vom Hörensagen. Dem Journalisten Pfister ist niemand auf die Schliche gekommen. Ohne jedes Schuldgefühl hatte er es auf Nachfrage bei der Preisverleihung selbst eingeräumt.

Die gesteigerte Aufmerksamkeit für das Preisdebakel, das in einigen Blättern umgehend zur Chefsache erhoben wurde, erscheint auf den ersten Blick als typischer Fall journalistischer Selbstüberschätzung. Ohne es genauer wissen zu wollen, kommen über Seehofers Souterrain-Spielstätte immer mehr Details in Umlauf, so dass sich viele fragen, ob sich die Journalisten nicht wieder einmal zu wichtig nehmen.

Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit

Zu einem Tribunal über die Branche müsste der Kollege Pfister jedenfalls nicht vorgeladen werden. Die Medienbranche fühlt sich ins Mark getroffen, auch wenn es so scheinen mag, als sei der Nannen-Preis das falsche Beispiel für eine richtige Frage. Es geht um Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit. Nicht nur die journalistische. In der informationellen Gesellschaft sind wir mehr als je zuvor auf Praktiken der Beglaubigung angewiesen. In Zeiten von Google und Twitter hat sich längst herumgesprochen, dass der Journalist als traditioneller Akteur der gesellschaftlichen Vergewisserung nicht immer und überall dabei sein kann. Immer öfter aber unterliegt er der Versuchung, wenigstens so zu tun. Gerade deshalb gehört es zur unbedingten Voraussetzung des journalistischen Selbstverständnisses, sich immer wieder neu Rechenschaft über journalistische Formen und deren Wahrheitsansprüche abzulegen.

An Pfisters lässlicher Sünde verhandelt der Journalismus einige seiner höchsten Güter. Redlichkeit und Wahrhaftigkeit, befand Nietzsches Zarathustra, zählen zu den bleibenden Tugenden der Menschheit. Aber die Lage der Tugenden scheint nunmehr prekär. In unseren Ohren klingen solche Begriffe ebenso pathetisch wie altmodisch. Wir haben uns angewöhnt, es eher pragmatisch damit zu halten. Im Alltag ist man gut beraten, mit skeptischer Neugier zuzuhören, wenn andere was vom Pferd erzählen. Es gehört längst zum Selbstverständnis professioneller Politik, das Image und die Spins so geschickt zu setzen, dass sie als Realität genommen werden.

Der Journalismus ist in der Ausübung seiner demokratischen Funktion immer dann besonders erfolgreich, wenn es ihm gelingt, elegante Selbstdarstellungen als geschickte Manipulation oder profane Lüge zu enttarnen. Bisweilen auch gegen beachtlichen gesellschaftlichen Druck. Die Plagiatsaffäre Guttenberg wurde ja lange von der Vorstellung begleitet, dass der Minister einer Hetzkampagne ausgesetzt sei. In dem Drama Shakespeare’schen Ausmaßes ging es eben auch um die aktuelle Gestalt gesellschaftlicher Übereinkünfte und Werte.

Man muss als Leser nicht zu einem puristischen Anhänger einer strengen Medienethik werden. Die Vielfalt der journalistischen Formen ist groß, und manchmal bringen gerade überraschende Mischformen fruchtbare Ein- und Ansichten hervor. In jedem Witz, so der Philosoph Volker Gerhard kürzlich in der Zeitschrift Merkur, lauere die Gefahr, nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit der Wahrheit zu spielen.

Daraus folgt nicht, auf den Witz und das Spiel mit der Sprache zu verzichten. Redlichkeit ohne Esprit bringt in der Regel langweilige Berichterstattung hervor. Journalistische Wahrhaftigkeit entsteht ja gerade durch die Kunst des Autors, über die bloße Anwesenheit hinaus ein Bild vom Ganzen zu geben.

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