Leitartikel

Trumps Rassismus

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Der US-Präsident ist ein skrupelloser Brandstifter. Er weiß, wie er mit Angst und Hass seine überwiegend weiße Basis bei Laune halten kann - im Vorfeld der Wahlen im Herbst kommenden Jahres. Der Leitartikel.

Sein Großvater kam aus Deutschland. Seine erste Frau wurde in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Und seine dritte Frau siedelte 1996 aus Slowenien in die USA über. Aber natürlich hat Donald Trump weder sich selbst noch seine früheren oder aktuellen Lebensgefährtinnen gemeint, als er einer Gruppe von US-Amerikanern empfahl, dorthin zurückzugehen, wo sie herkamen, statt „dem Volk der Vereinigten Staaten“ irgendwelche Ratschläge zu geben. Donald, Ivana und Melania dürfen bleiben, denn sie sind weiß.

Die Twitterattacke, die der Präsident der Vereinigten Staaten am frühen Morgen vor dem Golfspiel abfeuerte, zielte ganz eindeutig auf eine Gruppe von weiblichen Kongressabgeordneten um die linke Aktivistin Alexandria Ocasio-Cortez, die eins gemein haben: Sie sind dunkelhäutig. Dass alle vier Frauen selbstverständlich die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen und drei von ihnen in den USA geboren wurden, interessiert Trump nicht. Auch kommt ihm nicht ins Bewusstsein, dass er absurderweise über sich spricht, wenn er die Regierung von deren Herkunftsländern als „die schlechtesten, korruptesten und unfähigsten der Welt“ bezeichnet. Denn für Trump gehören Schwarze, Latinos und ethnische Minderheiten einfach nicht dazu.

Die Aufforderung „Geh doch zurück!“ an eine in Cincinnati geborene Schwarze wie die Abgeordnete Ayanna Pressley ist nichts anderes als nackter, widerwärtiger Rassismus. Trump hat eine lange Geschichte im Einsatz menschenverachtender Ressentiments: Im Wahlkampf stellte er Barack Obamas amerikanische Wurzeln infrage und diffamierte mexikanische Einwanderer pauschal als Vergewaltiger. Unter den mit Hakenkreuzen und Fackeln aufmarschierten Neonazis in Charlottesville machte er ehrenwerte Leute aus. Afrikanische und karibische Staaten bepöbelte er als „Dreckslochländer“.

Trump ist ein skrupelloser Brandstifter. Er weiß genau, wie er mit Angst und Hass seine überwiegend weiße Basis in der Unter- und Mittelschicht bei Laune halten kann. Genau darum geht es ihm nun im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Herbst kommenden Jahres. Und wohl auch darum, die Macht der Bilder von in Käfigen eingesperrten Migranten an der mexikanischen Grenze zu brechen, die zumindest Teile der amerikanischen Gesellschaft zunehmend irritieren. Das gute, weiße Amerika auf der einen Seite, die angeblich vaterlandslosen Gesellen und Kriminellen auf der anderen – so befeuert er niedrigste Instinkte.

Erschreckend ist, dass sich die einst stolze republikanische Partei diesem Demokratieverächter widerstandslos ergibt. In der Vergangenheit hatten sich bei minder schweren Ausfällen zumindest einzelne Senatoren distanziert. Doch inzwischen schämt sich offenbar niemand mehr. Drei Jahre nach dem Ende der Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten kann dessen Nachfolger offen Menschen wegen derer dunklen Hautfarbe bepöbeln und beleidigen, ohne dass er von seinen konservativen Parteifreunden auch nur ermahnt wird.

Der schockierende Rückschlag sagt ebenso viel über die autokratischen Strukturen der Trump-Regierung wie über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft aus, die in ihrer Breite längst nicht so liberal und tolerant ist, wie es in New York oder Los Angeles scheinen mag. Für die oppositionellen Demokraten aber muss der Vorgang ein Weckruf sein. Vorausgegangen waren nämlich parteiinterne Streitereien zwischen den vier weiblichen Abgeordneten und der Parteiführung unter Nancy Pelosi.

Die mächtige Sprecherin des Repräsentantenhauses versucht seit Wochen, die sehr selbstbewussten und progressiven Newcomer mit ihren radikalen Forderungen etwas zu bremsen. Das hat ihr den ziemlich plumpen Vorwurf von Ocasio-Cortez eingebracht, sie diskreditiere dunkelhäutige Abgeordnete.

Die Kontroverse wirft ein Schlaglicht auf das Dilemma der Demokraten, die bei der Suche nach dem richtigen Kurs und dem besten Kandidaten immer mehr mit sich selbst beschäftigt sind und dabei auch bewusst die eine oder andere Minderheitenkarte ziehen. Donald Trumps rassistischer Ausbruch macht überdeutlich, wo der wirkliche Gegner steht. Wenn die US-Demokraten das verinnerlichen würden, hätte der abstoßende Vorfall immerhin eine positive Wirkung. 

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