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Im Senat verfügen Donald Trumps Republikaner nur noch über eine Mehrheit von einer Stimme.

Wahl in Alabama

Trump, der Loser

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Nach der Niederlage von Roy Moore ist Trumps Nimbus als Sieger gebrochen. Die Republikaner werden sich jetzt zweimal überlegen, ob sie ihr Schicksal mit dem seinen verbinden - der Leitartikel.

Wer in seiner eigenen Realität lebt, dem kann am Ende selbst der Allerhöchste nicht mehr helfen. Eine kleine Ewigkeit, nachdem die Nachrichtenagenturen den spektakulären Ausgang der Nachwahl in Alabama gemeldet hatten, trat der republikanische Kandidat Roy Moore vor die Kameras. „Es ist noch nicht vorbei“, fabulierte der evangelikale Fundamentalist: „Wir wissen, dass Gott immer noch die Kontrolle hat.“

Da hatte der Herr im Himmel den Daumen gesenkt und jener im Weißen Haus die historische Niederlage eingestanden: Zum ersten Mal seit 25 Jahren schickt der erzkonservative Südstaat Alabama einen Demokraten-Politiker nach Washington in den Senat. Roy Moore geht als jämmerlicher Verlierer vom Platz. Ein fanatischer Glaubenskrieger, bigotter Prediger und mutmaßlicher Kinderschänder wurde aus dem Verkehr gezogen. Man kann nicht anders, als den Sensationserfolg der Demokraten im tiefsten Süden der USA mit Genugtuung zur Kenntnis zu nehmen.

Moore kämpft für christliche Scharia

Doch in die Erleichterung mischt sich ein nachträgliches Entsetzen: Gerade einmal 20 000 Stimmen fehlten, und die Wähler in Alabama hätten einen Mann, der für eine christliche Scharia kämpft, als oberster Richter des Landes zweimal seines Amtes enthoben wurde und von neun Frauen des sexuellen Missbrauchs bezichtigt wird, zu ihrem wichtigsten Repräsentanten im Kongress gewählt.

So unerwartet der Wahlausgang in einer der konservativsten Ecken Amerikas also ist und so dramatisch seine Auswirkungen auf die Politik in Washington sein werden: Ein Beleg für einen radikalen Stimmungswechsel in Trump-Land ist er noch nicht. Der Demokrat Doug Jones hat vor allem gewonnen, weil es ihm gelang, mehr traditionell demokratisch gesinnte Afro-Amerikaner zu mobilisieren. Zudem schreckte offenbar jede dritte weiße Frau davor zurück, Roy Moore ihre Stimme zu geben.

Doch die überwältigende Mehrheit der Weißen stimmte immer noch für einen Mann, den wegen seines offenen Hasses auf Schwule und Moslems eigentlich kein Provinzkaff zum Bürgermeister hätte wählen dürfen, lange bevor er der Nötigung von 14- und 16-jährigen Mädchen bezichtigt wurde.

Diesen selbsternannten Kämpfer gegen das säkulare Recht, die freie Presse und demokratisch legitimierte Volksvertreter hat kein Geringerer als der Präsident der Vereinigten Staaten zuletzt unterstützt. „Die Menschen in Alabama werden das Richtige tun“, twitterte Donald Trump am Wahltag. „Doug Jones ist für Abtreibung, schwach im Kampf gegen Kriminalität und illegale Einwanderung, schlecht für Waffenbesitzer und Kriegsveteranen und gegen die Mauer. (…) Wählen Sie Roy Moore!“, warb Trump in Großbuchstaben. Der Präsident hatte sich eindeutig auf Moores Seite gestellt, als die Führung der Republikaner wegen der Missbrauchsaffäre auf Distanz ging und prominente republikanische Senatoren seinen Rückzug forderten.

Wenn Trump nun behauptet, er habe nie auf den Sieg von Moore gesetzt, ist dies eine glatte Lüge. Der Präsident hatte bei einer Telefonkampagne vor dem Urnengang gewarnt, wenn der Republikaner scheitere, werde seine Agenda und „der ganze politische Fortschritt zum Stillstand gebracht“. Moores Niederlage ist daher Trumps Debakel. Nicht nur hat er zum nackten Machterhalt für jeden sichtbar den letzten Funken moralischer Integrität seines Amtes verfeuert. Auch hat ihn sein Instinkt getrogen, der auf einen neuerlichen Erfolg seiner eigenen Anti-Establishment-Kampagne setzte.

Im Senat verfügt Trumps Partei künftig nur noch über die denkbar kleinste Mehrheit von einer Stimme. Zwar werden die Republikaner versuchen, ihre Steuerreform nun binnen weniger Tage noch unter den alten Mehrheitsverhältnissen durchzupeitschen. Doch die in den eigenen Reihen umstrittene Gesundheitsreform Trumpcare ist chancenlos, und kein wichtiges Vorhaben, vom Haushalt bis zum Mauerbau, kann künftig ohne Hilfe der Demokraten verabschiedet werden. Die Opposition wird ihren Hebel hoffentlich nutzen. Das könnte die schlimmsten Auswirkungen der Regierungspolitik eingrenzen.

Noch weitreichender aber sind die psychologischen Folgen des Alabama-Debakels: Trumps Nimbus als Sieger ist gebrochen, sein heimlicher Berater Stephen Bannon entzaubert. Das werden die Republikaner im Kongress zur Kenntnis nehmen und sich künftig zweimal überlegen, ob sie ihr Schicksal mit dem des Präsidenten verbinden wollen.

Zugleich wird der zweite unerwartete Triumph nach dem Erfolg bei der Virginia-Wahl die Demokraten für die bevorstehenden Kongresswahlen im nächsten Jahr elektrisieren. Vor allem aber gewinnt die Zivilgesellschaft in den USA ein neues Selbstbewusstsein. Vor gut 60 Jahren nahm im armen und konservativen Alabama die amerikanische Bürgerrechtsbewegung ihren Anfang. Die Niederlage von Roy Moore weist den Weg für die Rückkehr des Landes zu Anstand, Toleranz und Respekt.

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