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Donald Trump sensibilisiert die Menschen wieder für Politik.

Donald Trump

Mit Trump gegen die Selbstgefälligkeit

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Dank Donald Trump bewegt Politik wieder die Massen – der drohende Rückschritt lässt die Leute aufrühren. Wir Deutsche sind nun aber auch in der Pflicht, bei uns genau hinzusehen. Die Kolumne.

Eigentlich ist doch schon alles über Donald Trump gesagt, oder? Ich saß lange und überlegte. Doch außer „Er sieht aus wie Robert Redford nach einer Hässlichkeitsoperation“ fiel mir nichts Originelles und schon gar nichts Kluges ein. Zeitungen, Magazine und Fernsehsendungen widmen sich doch kaum einem anderen Thema mehr, sich fremde Menschen reden beim Bäcker, im Bus oder beim Arzt über den Mann, bald plappern Kleinkinder als viertes Wort nach Mama, Papa und Auto auch noch „Trump“. Doch halt. Ich könnte vielleicht eine Frage stellen. Sie lautet: Ist das gut?

Ja. Schon vor Monaten behauptete ich an dieser Stelle, ein Sieg des wirren Rotschopfs könne eine Chance für die USA sein und somit auch für uns – und zwar nicht nur für unsere Kabarettisten und Karikaturisten. So ist es gekommen. Trump weckt auf. Nicht nur das, er rüttelt selbst die letzte Schlafmütze aus der lähmenden Selbstgefälligkeit.

Doch er sensibilisiert auch. Wann hat Politik zum letzten Mal so viele Menschen bewegt? Schon jetzt, wenige Tage nach seinem Amtsantritt, trieb er weltweit Millionen auf die Straßen. Hut ab, reife Leistung, Herr Trump. Vor allem in den USA war dies bitter nötig, blickt doch dieses Land auf eine jahrzehntelange Protestkultur zurück, die gewaltige gesellschaftliche Veränderungen errang. Frauen, Homosexuelle und Schwarze sind zwar noch längst nicht gesellschaftlich so akzeptiert, wie es sein sollte, doch befänden sie sich ohne die Protestbewegungen noch auf dem Stand der frühen Sechzigerjahre.

Hinschauen ist eine Pflicht

Und doch droht nun ein Rückschritt, und das lässt die Leute aufrühren. Das möge sich hoffentlich so fortsetzen und noch verstärken – notfalls auch mit Gewalt, und das schreibe ich ganz bewusst. Es kann sein, dass Autos brennen müssen, Schaufenster zersplittern und Fäuste fliegen. Denn es ist nicht mehr fünf vor zwölf, sondern weit danach. Auch gilt nicht mehr die Mahnung „Wehret den Anfängen“, denn darüber sind wir längst hinweg.

Wir. Also nicht nur die Menschen in Nordamerika, sondern auch wir. Kein Zufall, dass sich kurz nach Trumps (ich wollte gerade schreiben „Machtergreifung“, wie ich wohl darauf komme?), also kurz nach Trumps Inauguration die führenden Braunen Europas zum Austausch trafen. Frauke Petry, Marine Le Pen, Geert Wilders und Matteo Salvini saßen feixend in Koblenz zusammen, und ein Björn Höcke entblödete sich nicht, das Berliner Holocaust-Mahnmal als „Denkmal der Schande“ zu bezeichnen. Sie wittern Mittagsluft, denn die Morgenluft haben sie ja bereits genießen dürfen.

Ich weiß nicht mehr, wer es war, doch einer der unzähligen Experten, die dieser Tage im Fernsehen zu Wort kamen, bezeichnete Donald Trump als Faschisten. Ich schreckte hoch. Endlich sagt es mal einer. Endlich traut sich einer. Trump ein Faschist. Ein verwirrter Großmannssüchtiger, der Unwahrheiten als Wahrheiten verkauft, ganze Bevölkerungsgruppen als unwert bezeichnet und sich in einem unheilvollen Nationalismus verstrickt, das hatten wir doch schon mal. Gerade wir als Deutsche müssen mahnend auf diese Tendenz hinweisen. Doch deswegen ist es auch unsere Pflicht, nicht nur mit dem Zeigefinger über den großen Teich zu deuten, sondern auch bei uns genau hinzusehen. Es ist wichtiger denn je.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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