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Am Sonntag stimmen die Bürger in Hamburg über die Bewerbung an den Olympischen Spielen ab.
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Am Sonntag stimmen die Bürger in Hamburg über die Bewerbung an den Olympischen Spielen ab.

Referendum in Hamburg

Trotzdem Olympia!

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Sollte Hamburg sich für die Olympischen Spiele 2024 bewerben, dann ist das ein Votum der Hoffnung. Es gibt immer noch gute Gründe, dass sich die Länder der Welt an einem Ort versammeln.

Noch zählt sie bedächtig die Sekunden herunter, die Referendums-Uhr am Hamburger Rathausmarkt. Den Blick auf die Binnenalster kann man sich gut als olympischen vorstellen. Die Stadt am Wasser präsentiert sich der Welt. Aber in den vergangenen Wochen wollte sich kein Countdown-Gefühl einstellen. Selbst wenn am Sonntag eine knappe Mehrheit der Hamburger Bürger sich für eine Bewerbung für die olympischen Sommerspiele von 2024 in ihrer Stadt entscheidet, dürfte es bestenfalls als verhaltenes Votum wahrgenommen werden. Von hanseatischer Olympia-Euphorie war zuletzt keine Spur.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Wer mit dem Zug anreist und am Hauptbahnhof aussteigt, wird unmittelbar gewahr, welch enorme Belastung die nicht nachlassende Ankunft von Flüchtlingen auch für die Hansestadt darstellt. Während Olympia seit jeher das Symbol einer globalisierten Welt war, die sich zum sportlichen Wettbewerb vorübergehend an einem Ort versammelt, wird nun immer deutlicher, dass Menschen, die von hier nach da ziehen, dies nicht mehr nur zu touristischen Zwecken und ihrer kulturellen Erbauung tun. Angesichts der weitgehend unbewältigten Flüchtlingsproblematik wirkt Olympia wie das überkommene Relikt einer Zeit, in der man noch von prinzipieller Sesshaftigkeit ausgehen konnte. Man reiste zu einem großen Weltspektakel, um beeindruckt von der Vielfalt und dem Eigensinn anderer Nationen zurückzukehren. Nun aber sind weltweit Menschen in großer Zahl unterwegs, die nicht wissen, wo und wie sie ankommen werden.

Der Sport leidet mehr an sich selbst

Ohne Zweifel wird das Hamburger Abstimmungsergebnis am Sonntag auch durch die Nachwirkungen der Terrorattacken auf das Alltagsleben von Paris beeinflusst sein. Exponierte Sportveranstaltungen waren seit jeher ein Angriffsziel terroristischer Gruppen. Die zynische Beliebigkeit aber, mit der die Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staats ihre Opfer auswählen, macht nunmehr jede Form von öffentlicher Präsentation zu einem potenziellen Ziel. Die Leichtigkeit, in der sich eine Stadt und ihr Land während der zweiwöchigen Sportshow selbst zu feiern vermag, ist dahin.

Man kann nicht an den Sommer 2024 denken, ohne die düsteren Ereignisse des Herbstes von 2015 vor Augen zu haben.

Eine positive olympische Gestimmtheit wird jedoch nicht allein durch äußere Gefahren zersetzt. Der Sport und wie er organisiert wird, leidet mehr an sich selbst, als dass er als gesellschaftlicher Impulsgeber in Erscheinung zu treten vermöchte. Während der Weltfußballverband Fifa unter skurril-tatkräftiger Beteiligung seines deutschen Mitglieds DFB beharrlich und in quälerischer Langsamkeit an seiner Selbstzerstörung arbeitet, kann dessen olympisches Pendant IOC kaum als unverdächtiger Retter des Sportsgeistes durchgehen.

Die großen internationalen Sportorganisationen gelten vielmehr als Synonyme eines Systems, in dem die Sumpfblüte aus dunklen Geschäften, politischem Opportunismus und sportlichen Betrug mittels Doping als prächtiges Biotop angelegt ist. Zwar hat der internationale Leichtathletikverband IAAF mit seiner Sperre des russischen Verbandes wegen nachgewiesenen systematischen Dopings inzwischen Entschlossenheit zu demonstrieren versucht. Eine tatsächliche Sperre russischer Leichtathleten bei den kommenden Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 dürfte aber eine Krise ungeahnten Ausmaßes auslösen, die weit über den Bereich des Sports hinausreicht.

Keine guten Aussichten für Olympia

Planung und Durchführung des Megaevents Olympische Spiele lässt sich selbst in ökonomisch stabilen Gesellschaften kaum mehr ausreichend legitimieren, und wo die Welt zu Gast bei egomanen Diktatoren ist, können sich die Eingeladenen, für die demokratische Verhältnisse nicht nur eine beliebig austauschbare Fassade sind, am Ende nicht wirklich wohlfühlen. Die Zeiten, in denen sich blühende Geschäfte und politisches Wohlgefallen im Namen des Sports unter einen großen bunten Hut bringen ließen, sind vorbei. Jede weitere Vergabe der Spiele wird zu einem politischen Problem. Man hat zuletzt kaum den Eindruck gewinnen können, als dass Hamburg 2024 zu einem Schauplatz werden könnte, an dem der olympische Gedanke politisch, ökonomisch und organisatorisch ganz neu aus der Taufe gehoben wird.

Keine guten Aussichten für Olympia also. Wenn die Hamburger am Sonntag ihre knappe Zustimmung erteilen, dann sollte man das dennoch als Votum der Hoffnung betrachten. Es gibt noch immer gute Gründe dafür, dass sich die Länder der Welt zum sportlichen Kräftemessen für ein paar Tage an einem Ort versammeln. Der wichtigste ist der Selbstanspruch einer offenen Gesellschaft auf den Erhalt ihrer Durchlässigkeit. Olympische Spiele standen seit jeher im Zeichen einer Welt, die sich in Bewegung befindet. Mehr denn je wird es darauf ankommen, dieser Bewegung eine Richtung zu geben, zu der man sich nicht dem Gefühl überlässt, der Anhäufung weltpolitischer Katastrophen willfährig ausgesetzt zu sein.

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