Hochschulen

Traumjob statt Jobtrauma

Es ist also etwas faul mit Karrierewegen an den Hochschulen. Es gibt zu viele Kettenverträge. Ohne eine Reform ist die Wissenschaft bedroht.

Wir haben nichts zu verlieren als unsere Kettenverträge.“ Diese Worte skandierten junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Anfang April während einer Aktion vor dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Berlin, zu der die Gewerkschaften GEW und Verdi sowie das Mittelbauinitiativen-Netzwerk NGAWiss im Zuge der Kampagne „Frist ist Frust“ (www.frististfrust.net) aufgerufen hatte. Zentrale Forderung: Mit dem Hochschulpakt, über dessen Verlängerung Bund und Länder derzeit verhandeln, sollen in Zukunft Dauerstellen für Daueraufgaben in der Lehre finanziert werden.

Dauerstellen für Daueraufgaben – das ist bitter nötig. Neun von zehn der rund 180 000 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden mit Zeitverträgen abgespeist – überwiegend Kurzzeitverträge, die nicht einmal ein Jahr laufen. Die Folge sind Kettenverträge: Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hangeln sich über Jahre von einem Zeitvertrag zum nächsten.

Hinzu kommen rund 100 000 Lehrbeauftragte, die stundenweise bezahlt werden – oder ganz unentgeltlich arbeiten. Wer es auf eine Professur schaffen möchte, muss einen langen und steinigen Karriereweg zurücklegen – mit ungewissem Ausgang. In der Regel erweist sich erst im fünften Lebensjahrzehnt, ob der Sprung auf einen Lehrstuhl klappt oder ein unsanfter Ausstieg aus dem Wissenschaftssystem folgt.

Denn wer mit Mitte 40 den Einstieg in die Praxis versucht, gilt als zu alt und überqualifiziert. Dauerhafte Berufsperspektiven neben der Professur bietet das deutsche Wissenschaftssystem aber – anders als das britische, französische oder US-amerikanische – so gut wie nicht.

Noch schlechtere Karten als ihre männlichen Kollegen haben Wissenschaftlerinnen. Statt in der Wissenschaft aufzusteigen, steigen viele Frauen insbesondere in der Phase zwischen Promotion und Professur aus. Nicht einmal jede vierte Professur ist mit einer Frau besetzt. Wissenschaftlerinnen sind noch stärker als Wissenschaftler von Befristung und Teilzeit betroffen.

Auf einer halben Stelle wird in der Wissenschaft nicht selten stillschweigend volle Arbeit erwartet. An den außeruniversitären Forschungseinrichtungen ist das sogar arbeitsvertraglich geregelt – mit Duldung des BMBF.

Das ist nur möglich, weil sich Max Planck, Helmholtz, Fraunhofer und Leibniz standhaft weigern, einem Arbeitgeberverband beizutreten oder mit den Gewerkschaften einen Wissenschaftstarifvertrag abzuschließen. Sie wenden die Tarifverträge des öffentlichen Dienstes an, soweit ihnen diese passen. Dem wissenschaftlichen Nachwuchs enthalten sie etwa das volle Gehalt und tarifliche Urlaubsansprüche vor. Skandalös, dass das in Einrichtungen möglich ist, die mit Steuern finanziert werden.

Es ist also etwas faul mit den Beschäftigungsbedingungen und Karrierewegen an deutschen Hochschulen – sie sind im Kern verrottet. Das ist nicht nur unfair gegenüber den hoch qualifizierten und motivierten Fachkräften, die sich auf das Wagnis Wissenschaft einlassen. Die Missstände untergraben auch die Kontinuität und damit Qualität der Arbeit in Forschung und Lehre. Es ist höchste Zeit für eine Reform von Berufswegen und Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft – aus dem Jobtrauma muss ein Traumjob Wissenschaft werden!

Traumjob Wissenschaft – unter diesem Motto steht die Kampagne, die die GEW 2010 mit dem Templiner Manifest gestartet hat. Damit hat die Bildungsgewerkschaft einiges in Bewegung gesetzt. Landeshochschulgesetze wurden reformiert, das Wissenschaftszeitvertragsgesetz novelliert, etliche Hochschulen haben Kodizes für gute Arbeit in der Wissenschaft ausgearbeitet.

Und dennoch steht der Durchbruch im Kampf für bessere Beschäftigungsbedingungen und Karrierewege aus. Bund und Länder müssen jetzt Farbe bekennen und ein Zeichen setzen. In vertraulichen Kamingesprächen beraten sie über die Eckpunkte eines neuen Hochschulpakts.

Dieser soll verstetigt werden, also künftig auf unbestimmte Zeit laufen. Damit gibt es aber keine Ausrede mehr dafür, dass die Hochschulen die Paktmittel in Kettenverträge für die Beschäftigten ummünzen. Die Hochschulpaktmittel müssen vollständig für Dauerstellen eingesetzt werden, aus dem Hochschul- muss ein Entfristungspakt werden.

Dafür muss die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern am Freitag die Weichen stellen. Am Donnerstag werden sich die Verhandlungsführer im Kaminzimmer des BMBF versammeln. Zeit für eine weitere Protestaktion vor den Toren des Ministeriums! Wir haben nichts zu verlieren als unsere Kettenverträge – wir haben die Wissenschaft zu gewinnen. 

Andreas Keller ist stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

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