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Der übermäßige Einsatz von Stickstoffdünger ist hier genauso Alltag wie der von Pestiziden.

Gastbeitrag

Trauerspiel zu unseren Füßen

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Kaputte Böden erschweren die Welternährung und befeuern die Erderhitzung. Zeit für einen Paradigmenwechsel - auch hierzulande.

Es ist ein Trauerspiel zu unseren Füßen: Fast ein Viertel der weltweit ursprünglich landwirtschaftlich genutzten Böden ist geschädigt oder verwüstet. Auf deutschen Äckern gehen je Hektar rund zehn Tonnen an fruchtbarem Boden durch Erosion und Humusabbau verloren, im weltweiten Durchschnitt sind es rund 20 Tonnen.

Zu intensive und einseitige Nutzung hat dem Boden vielerorts Humus und Nährstoffe entzogen. Der Boden liefert weniger Ertrag. So lässt sich weder die Weltbevölkerung ernähren noch das Klima schützen. Gesunde, humusreiche Böden speichern mehr Kohlenstoff als degradierte und sie sind widerstandsfähiger gegen Extremwetterereignisse.

Böden weltweit enthalten etwa drei bis viermal so viel Kohlenstoff wie die Atmosphäre. Durch eine nicht nachhaltige Landnutzung löst sich dieser organisch gebundene Kohlenstoff im Boden im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auf und landet als CO2 in der Atmosphäre.

Der Aufbau, der Erhalt und die Pflege von lebendigen Böden müsste im Kampf gegen den Welthunger und die Erderhitzung ein gefördertes Ziel der Agrarpolitik weltweit sein. Die Realität sieht leider anders aus: 32 Prozent der Fläche Deutschlands sind Ackerland, das meiste davon wird konventionell bewirtschaftet. Der übermäßige Einsatz von Stickstoffdünger ist hier genauso Alltag wie der von Pestiziden. In der Regel ist die Varianz der angebauten Feldfrüchte begrenzt auf zwei bis drei – häufig mit den klassischen Kulturen Mais, Weizen, Gerste und Raps. Das alles hinterlässt Spuren im Boden.

Konventioneller Ackerbau in Deutschland könnte bodenfreundlicher sein. Vor allem breitere Fruchtfolgen sind wichtig: Bereits eine Kulturart mehr in der Fruchtfolge, 25 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel und 15 Prozent weniger Stickstoffdünger wirkt sich positiv auf die Bodenfruchtbarkeit aus.

Damit lässt sich der Humusgehalt des Bodens erhöhen – das verbessert die Bodenfruchtbarkeit und schützt das Klima. Auf die gesamte ackerbaulich genutzte Fläche Deutschlands hochgerechnet ergäbe sich hier ein CO2-Einsparungspotential von 12.7 Millionen Tonnen. Das entspricht fast einem Fünftel der Treibhausgasemissionen der deutschen Landwirtschaft. Gleichzeitig lassen sich die Stickstoffüberschüsse jährlich um bis 25 Kilogramm pro Hektar senken. Das sind Ergebnisse der WWF-Studie „Vielfalt auf den Acker!“.

Rolf Sommer leitet den Fachbereich Landwirtschaft beim WWF Deutschland.

Humusreiche Böden brauchen zudem weniger Dünger und binden vorhandenen Stickstoff besser. Stickstoffüberschüsse führen zu Nitratauswaschung ins Grundwasser und erhöhen durch die Bildung von klimaschädlichem Lachgas die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft. Richtig viel Musik für die Bodenfruchtbarkeit steckt im Einsatz von heimischen Hülsenfrüchten, wie Ackerbohne, Lupine, Erbse, Klee- oder Luzernegras.

Nur welcher Landwirtin oder welchem Landwirt will man zum Beispiel empfehlen, Kleegras fest in die Fruchtfolge aufzunehmen? Wer für Eiweißlieferanten wie Ackerbohne, Lupine, Erbse, aber eben auch Klee- oder Luzernegras keine eigene Verwendung als Futtermittel hat, konkurriert beim Verkauf mit importiertem Sojaschrot. Ökologisch liegen heimische Futtermittel eindeutig vorn, ökonomisch sind sie schnell Verlustgeschäft. Der Paradigmenwechsel auf dem Acker kostet.

Finanzielle Unterstützung ist möglich: Das Gros der direkten EU-Agrarzuschüsse von derzeit rund 41 Milliarden Euro jährlich wird pro bewirtschafteten Hektar ausgezahlt. Das Geld landet überproportional bei Betrieben mit viel Fläche: 80 Prozent der Direktzahlungen gehen nach Angaben der EU-Kommission an nur 20 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in der EU.

Bis zu 15 Prozent dieser flächengebundenen EU-Subventionen können von der Bundesregierung zur Förderung umweltfreundlicher Maßnahmen auf dem Acker umgeleitet werden - etwa auch zur Unterstützung des Anbaus heimischer Hülsenfrüchte. Deutschland plant derzeit mit sechs lumpigen Prozent. Warum?

Auch die von der Europäischen Kommission im Rahmen der Neuordnung der europäischen Agrarpolitik vorgeschlagenen „Eco-Schemes“ schaffen Spielraum für die Finanzierung von mehr Umweltschutz in der Landwirtschaft. Wenn ein Landwirt die „Extrameile“ geht und breitere Fruchtfolgen mit Futterleguminosen praktiziert sowie Pflanzenschutz- und Düngemittel deutlich zurückfährt, dann ist das finanzielle Unterstützung wert.

Mit einer solchen Politik würde die EU Zeichen setzen auch international. Wer den „Green New Deal“ für die Europäische Union ernst meint, muss entsprechend handeln. Auch und insbesondere bei der künftigen Agrarpolitik.

Rolf Sommer leitet den Fachbereich Landwirtschaft beim WWF Deutschland.

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