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Gemeinsam gegen Nationalismus - Demo vor der Europawahl.

Kolumne

Noch immer gilt: Ein gemeinsames Europa kann braunen Umtrieben besser Herr werden

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Kann man mit Anekdoten erklären, warum eine EU so wertvoll ist? Lässt sich Geschichte erlebbar machen?

Eigentlich ist Europa ja für nahezu alle jüngeren Leute eine Selbstverständlichkeit. Das ist beruhigend. Beweist es doch, dass sich dieses politische Gebilde bewährt hat, besonders bei denen, denen die Zukunft gehört. Gleichzeitig ist es beunruhigend. Denn wer nichts anderes kennt, der weiß nicht um die Kostbarkeit dessen, was er da hat.

Das wäre nicht weiter schlimm, schwebte dieses Wunderwerk des friedlichen Miteinanders nicht in akuter Gefahr. Doch wie erklären? Wie nachfühlbar machen, was es bedeutet, wenn Menschen, die sich jahrhundertelang hassten und bekriegten, nun plötzlich eine Gemeinschaft bilden?

Wie soll einer, der wie ich vierzehn Jahre nach Kriegsende geboren wurde, einem heute Zwanzigjährigen etwas von früher erzählen, ohne dass der sich in seinen drögen Geschichtsunterricht versetzt fühlt? Vielleicht durch das Berichten kleiner, persönlicher Erlebnisse?

Vier kleine Geschichten von Europa

Etwa von dem alten Mann in dem fast unzugänglichen Dorf in den kretischen Bergen, der schluchzend vor mir zusammenbrach und stammelte, ich sei der erste Deutsche, den er ohne Uniform sieht? Dessen Frau und Tochter von den Nazis vergewaltigt und getötet wurden, und der nun zu Ehren meines Besuchs ein Lamm schlachten ließ und mir Rakí einschenkte, bis mir alle Sinne schwanden?

Oder von dem Engländer, mit dem ich in irgendeinem Provinzpub stundenlang gezecht hatte, bis er mir schließlich unter Tränen gestand, mich nicht zu mögen und mich auch nie mögen zu können? „Sorry, Du bist ein prima Kumpel“, schluchzte er, „aber es geht nicht.“ Die Nazis hatten seinen Vater ermordet.

Oder von der Vermieterin einer Ferienwohnung in der Bretagne, eine alte schöne Frau, die uns tagelang mütterlich umsorgt hatte und dann an einem Abend bei einigen Likörchen in allen fürchterlichen Einzelheiten erzählte, wie die Nazis ihren Mann ermordeten? „Ihr könnt ja nichts dafür“, sagte sie dann mit leiser Stimme. Dann lächelte sie, und wir weinten gemeinsam.

Oder von dem alten Mann im Elsass. Wir saßen an einem Tisch, tranken Wein. Er kam herein, ging zur Theke und zischte zu dem Wirt deutlich hörbar: „Le même comme les boches là-bas.“ Das Gleiche wie die Boches da drüben. „Boches“ ist ein Schimpfwort für Deutsche.

Dann erkannte er wohl an meinem Gesicht, dass ich ihn verstanden hatte, orderte zwei weitere Gläser, stellte sie auf unseren Tisch und stieß mit uns an. Und hatte Tränen in den Augen. Warum, kann ich nur erahnen.

Vier kleine Geschichten, alle haben mit Tränen zu tun – und mit Alkohol, wie mir eben auffällt. Das alles ist Jahrzehnte her, die Jungen können das so nicht mehr erleben. Aber machen solche Geschichten Geschichte spürbar?

Familiäres Zusammenwachsen Europas

Am Anfang des Zusammenwachsens Europas hatten viele zu Recht Angst vor einem Wiedererstarken Deutschlands. Aber dann setzte sich die Zuversicht durch, dass man besser auf dieses traditionell kriegslüsterne Land aufpassen könne, wenn man mit ihm eine Familie gründet.

Mittlerweile hat es fast den Anschein, als würden uns viele Partner der Europäischen Union rechts überholen, trotz unserer Meuthens, Gaulands, Steinbachs und wie sie alle heißen. Doch noch immer – oder jetzt erst recht – gilt die These, dass ein gemeinsames, starkes, demokratisches und antinationalistisches Europa braunen Umtrieben besser Herr werden kann.

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