+
Mosaik in Berlin: Die DDR war toll - für die, die nicht aneckten. 

Rassismus im Osten

Das toxische Wir

  • schließen

Was im Westen als offener Rassismus angeprangert wird, gilt im Osten als eine Art Systemkritik. Die Kolumne. 

Wer in der DDR gelebt hat, erinnert sich wahrscheinlich an das Alltags-Wir. Bei „uns“ ist es soundso, „wir“ haben dasunddas, „unsere“ Lage ist sowieso. So hieß es oft.

Dieses Wir beschrieb eine Gemeinschaft, die der DDR-Bürger. Es taugte für die unterschiedlichsten Milieus, es war allgegenwärtig. Die Leute sprachen mit einer Selbstverständlichkeit vom Wir, als handelte es sich bei der DDR mehr um eine Kleingartenanlage als um eine politische Struktur.

Wer sich auf die Regeln der Gemeinschaft einließ, gehörte dazu. Das hatte wenig mit politischer Ausrichtung zu tun, sondern vielmehr damit, wie es halt in einer Kleingartenanlage zugeht. „Wir“ war eine Kultur, zugleich übergriffig und ausgrenzend, der man, wollte man dabeibleiben, genau dies niemals vorwerfen durfte.

Wenn ich heute höre, wie die Geschichte Ostdeutschlands vor und nach dem Mauerfall erzählt wird, erinnere ich mich an das Ausgrenzende dieses Wir. Nein, es war nicht warm und gemütlich in der DDR, wenn man diesem Wir nicht angehörte. Dabei ist es auch nach der Wende geblieben. Jeder, der sich über Ausgrenzung, Rassismus oder Antisemitismus beschwerte, erntete dafür Beschimpfungen.

Ich weiss nicht, wie oft ich Nestbeschmutzerin gescholten wurde, weil ich auf das Problem mit den hausgemachten Neonazis hinwies. Oder was sich Menschen mit dunkler Hautfarbe anhören mussten, wenn sie über rassistische Alltagerfahrungen sprachen. Oder wenn Juden beschrieben, wie Antisemitismus im Osten aussah und wie er sich anfühlte. „Nein“, ist dann die Antwort, „das hat’s bei uns nicht gegeben.“ Oder: „Da haben Sie wohl in einem anderen Land gelebt als wir.“ 

Stolz auf die DDR-Vergangenheit: Menschen beim Tag der Sachsen.

Die Abwehr, dass Ausgrenzung reale Menschen wirklich trifft, hat eine lange Tradition. Die Vorstellungen von Gemeinschaft haben nach dem Krieg das Präfix Volks vor dem Wort Gemeinschaft zwar verloren, nicht aber seinen kollektivierenden Druck. Die Aggressivität, mit der Kritiker oder aus historischen oder ethnischen Gründen Unpassende aus dem „Wir“ rauskatapultiert wurden und werden, ist jedoch geblieben.

Die Tatsache, dass Ausgegrenzte das Wir nicht infrage stellen dürfen, geschieht auch heute. Wenn sie es doch tun, erleben sie, dass ihre Erfahrungen verleugnet, bestritten und mit neuerlichen Beleidigungen quittiert werden.

Vieles von dem neuen Ostgefühl von dem überall geredet wird, beruht auf dieser Abwehr. Ich würde sagen, sie ist sogar das zentrale Element der Heimatsucher in einer sogenannten ostdeutschen Identität. Abwehr bestreitet Ausgrenzung und ihre Tradition aufs Heftigste.

Was mich am Meisten schockiert ist, dass die unbestreitbaren Ungerechtigkeiten gegenüber Ostdeutschen nach der Wende, nach wie vor den ebenso unbestreitbaren Rassismus in vielen Regionen zu rechtfertigen suchen. Was im Westen als offener Rassismus gilt und worauf von ostdeutscher Seite auch immer wieder gern hingewiesen wird, gilt im Osten eine Art Systemkritik.

Weil es den Ostdeutschen mit dem System nicht gut geht und sie Wut haben, müssen sie halt Schwarze Menschen prügeln? Rassismus und Antisemitismus als Mittel der politischen Unzufriedenheit? Als träfe es keine Menschen, als gäbe es gar keine Opfer?

Nein, dieses Wir ist einfach nur toxisch. Es ist nicht der Traum, sondern der Alptraum von einer Kleingartenanlage.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Lesen Sie auch: PR-Berater Moritz Hunzinger ergeht sich auf der Facebook-Seite von Matthias Zimmer in klassischem Rassismus - und nennt das „Klartext“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare