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Mit ihrem Spontanauftritt beim Forstrock-Festival will die Rockband "Die Toten Hosen" ein Zeichen setzen.

Rechtsextremismus

Mit Toten Hosen im toten Winkel

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Dieser Sommer hat eine Bewegung all jener ausgelöst, die im Herzen nicht völkisch blond sein wollen. Sogar in Jamel. Die Kolumne.

In einem der toten Winkel des Landes, dort wo sich völkische Siedler und Nazis gute Nacht sagen, steht auch ein schönes Forsthaus am Wald. Drinnen wohnen zwei Künstler, ein bezauberndes Paar um die 50, die Gefallen am alten Fachwerkhaus fanden und es nun zärtlich wieder herstellen. Als die Lohmeyers einzogen, wohnte im kleinen Ort Jamel ein Nazi. Blöd, aber hinnehmbar. Heute ist das ganze Dorf braun. Die Lohmeyers haben nun ein Problem. Weil sie nicht stillhalten, sind sie nun total isoliert und werden täglich bedroht. Völkische Siedler wollen völkisch siedeln, arisch, weiß. Sie wollen das Land rein halten von allen, die ihre totalitäre und militant rassistische Lebensweise nicht teilen. Besonders den Lohmeyers, die sich schon immer für eine bunte Republik engagiert haben, machen sie das jeden Tag klar. Vor einigen Wochen wurde ihnen die Scheune angezündet, und nur mit Glück geriet das Wohnhaus nicht in Brand, in dem sechs Menschen schliefen.

Trotzdem fand am vergangenen Wochenende das Rockfestival „Jamel rockt den Förster“ statt, das die beiden seit Jahren organisieren, um wenigstens diesen toten Winkel zu beleben. Wo die schöne Fachwerkscheune stand, parken die Musiker ihre Autos. Auf dem Nachbargrundstück steht ein Kind im Garten, vielleicht acht Jahre alt. Von Kopf bis Fuß in Camouflage gekleidet, steht es da und droht mit einem großen Messer. Ein kleiner Prinz im braunen Reich seiner Nazi-Eltern, die sich diesen Abend selbst nicht sehen lassen. Polizei, Besucher, Musiker und Presse – das ganze „System“ ist angereist. Mittendrin der Junge auf seinem eigenen Grundstück, hinter ihm ein Bauwagen, auf dem mit schwarzer Farbe groß „White Power“ geschrieben steht. Weiter hinten im Dorf versucht eine andere völkische Familie trotzig fröhlich zu sein. Doch die Hüpfburg schaukelt traurig im Wind, und der Grill will auch nicht so richtig. In Deutschland, so sagen es einige der jungen Festivalteilnehmer, geht gerade ein Kulturkampf ab. Zwischen dem Prinzip des Völkischen und Homogenen und einer realen Zukunft in dieser Welt. Doch im Osten sei noch nicht entschieden, ob der nicht an seiner Provinzialität verdorren und am eigenen Hass ersticken wird.

Dennoch: Dieser Sommer hat gegen die Hasser eine gesellschaftliche Bewegung ausgelöst, im Westen wie im Osten, die sich mit dem dummen, dumpfen Deutschsein nicht mehr länger abfinden will. Per se gegen Nazis anzutreten – das haben wenige gemacht, unter ihnen die Lohmeyers. Aber jetzt, wo sich zeigt, worum es eigentlich geht, nämlich um „White Power“ gegen alle Nicht-Weißen, gegen Flüchtlinge, gegen alle, die im Herzen nicht völkisch blond sein wollen, bildet sich eine Haltung heraus. Dieser neuen Offenheit und Empathie folgen mehr Deutsche als den Hassern und Rassisten. Hoffentlich. Es ist eine wunderbare Party geworden, dort im toten Winkel. Die Asche der Alten Scheune hat das Festival in Jamel nicht verhindert, sondern gedüngt. Tolle Musiker haben mehr als tausend Gäste gerockt. Und als Überraschungsgast kamen, passend zu Anlass und Ort, am Ende noch die Toten Hosen. Hierher, in diesen Winkel der Republik, in dem wie in vielen Orten in den letzten Monaten entgegen aller völkischen Enge nun doch das Leben und die Lebendigkeit erwachen.

Anetta Kahane ist Vorsitzendeder Amadeu-Antonio-Stiftung.

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