1. Startseite
  2. Meinung

FDP - die Tigerente ist tot

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die geistig insolvente FDP wird in ihren letzten Zuckungen zur gelben Gefahr. Doch, oh Graus, sie will weiter regieren.

Von xxxxxts

Wir verneigen uns vor dem Souverän. Vor uns selbst also. Weil hier doch alle Macht vom Volke ausgeht. Ein unübertroffenes Modell. Bedauerlicherweise ist das Volk nicht immer souverän, hat sich nicht allzeit voll im Griff. Hört auf Wichtigtuer und Rattenfänger, lässt sich von fetten, falschen Schlagzeilen lenken, gibt sich Launen und geschickt inszenierten Stimmungen hin. Hinterher ist der Jammer groß. Zum Beispiel jetzt.

Es darf keine „Denkverbote“ geben, da hat der Herr Rösler vollkommen recht. Kein „Tabu“, Herr Brüderle, genau. Kein „Schweigegelübde“, fürwahr, Herr Lindner. Zur FDP ist fast alles gesagt. Bleibt nur eine Frage zu klären: Wie werden wir sie los? Schwarz-Gelb muss weg. Die Tigerente ist tot. Diese Wunschkoalition war ein lange anschwellender Alptraum. Jetzt, in ihren letzten Zuckungen, wird vor allem die geistig insolvente FDP zur gelben Gefahr.

Wir wollen uns nicht länger fremdschämen. Seinen Bankrott kann der F-Verein im kleinen Kreis abwickeln. Vielleicht erfindet er sich ja als pyromanisch-populistische Partei der Anti-Europäer neu, steigt ins Geschäft der aufgepeitschten Emotionen ein. Eine späte Haiderei, mit ein bisschen Wilders, einem Schluck Tea Party?

Doch fatal: Diese Truppe, gefühlt schon ewig im Amt, hat noch zwei volle Jahre vor sich. „Wir haben den Wählerauftrag für diese Legislaturperiode“, ruft Herr Brüderle. Wir hören’s mit Grausen.

Aber Moment: Der Niedergang dieser Partei, die einst für Aufklärung, Bürgerrechte und Chancengleichheit in einer modernen Gesellschaft stand – ja, ich weiß, daran erinnern sich nur noch Leute über 50 –, ist nicht Folge individueller charakterlicher Defizite von Westerwelle & Co.. Der Abstieg zur Partei der asozialen Marktwirtschaft erfolgte mit Ansage. Die FDP wurde zum Hort jenes Liberalismus, dem gerade noch viele deutsche Wortführer huldigten. Bis sich diese spezielle Freiheit der Zocker, auf freien, also regellosen Märkten mit Geld, bizarren Finanzprodukten und dem Wohl ganzer Volkswirtschaften zu spekulieren als verheerend entpuppte.

Jetzt folgt der Irrlehre die Leere. Die Leute lechzen nach einer Regierung, die Ideen für eine bessere Zukunft hat, die sich nicht nur von den Banken, dem BDI und einer einflussreichen Sekte von Wirtschaftsprofessoren sagen lässt, wo es langgeht. Große Mehrheiten verlangen ein sozialeres, gerechteres Land; fordern eine Politik, die endlich dafür sorgt, dass nicht immer mehr Menschen vom Wohlstand abgekoppelt werden.

Deutschland ist so verdammt reich. Doch der Reichtum wird stetig exklusiver, die Kluft zwischen Vermögenden und Besitzlosen noch tiefer. Die Mittelschicht schrumpft. Immer mehr schuften als Billiglöhner. Die Kinderarmut ist kolossal. Die Altersarmut kommt wieder. Der Aufschwung fand bislang abseits des Volkes statt.

Als Ulrich Mühe selig 2004 Heiner Müllers „Auftrag“ inszenierte, fragte er sich sehr vorausschauend, „ob es noch mehr gibt als nur die Verantwortung für sich selbst. Funktioniert eine demokratische Gesellschaft auch dann, wenn alle auseinanderrennen und jeder seinen Egoismus auslebt? Hält es eine Gesellschaft aus, ohne Auftrag zu existieren?“

Ich glaube: Nein. Und jetzt müssen wir dringend den neuen Auftrag vergeben. Nur wie? Vorschläge?

Tom Schimmeck ist freier Autor.

Auch interessant

Kommentare