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Gastbeitrag

Massentierhaltung: Billigfleisch und Tierschutz gehen nicht zusammen

55 000 Schweine, qualvoll verendet in einer abgebrannten Großmastanlage – schuld ist das System. Und auch die Verbraucher:innen tragen Verantwortung. Ein Gastbeitrag.

Ob Energiewende mit Atom- und Braunkohleausstieg, Flüchtlingspolitik oder Verweigerung von Kriegseinsätzen aus moralischen Gründen, den Deutschen ist ihre Rolle einer aufgeklärten, demokratischen Nation wichtig. Wir wollen Vorbilder sein. Wir wollen gut sein im Gutsein.

Die verheerende und menschengemachte Brandkatastrophe in der Schweinezuchtanlage Alt Tellin in Mecklenburg-Vorpommern vor einigen Wochen, bei der 55 000 Tiere qualvoll starben, offenbart jedoch erneut, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auch bei der Behandlung unserer sogenannten Nutztiere auseinanderliegen. Das liegt vor allem daran, dass wir uns als Gesellschaft nicht ehrlich mit dem System Massentierhaltung auseinandersetzen.

Massentierhaltung in Deutschland: Fleischexport und Billigpreise statt Tierschutz

Viele große Debatten in Deutschland leiden an der gleichen Dynamik: Wir wollen Vorzeigenation sein, scheitern aber am Abgleich der selbst gesteckten Ziele mit unseren marktwirtschaftlichen und privaten Interessen. Atomausstieg? Ja bitte. Dafür aber störende Windkrafträder akzeptieren? Geht gar nicht. Das maximale „Tierwohl“ für unsere Nutztiere? Unbedingt! Dafür aber die auf Profitmaximierung ausgerichtete Intensivtierhaltung abschaffen und die starke Exportorientierung und Billigpreise gleich dazu? Unmöglich! Lieber an ein paar kleinen Stellschrauben drehen – das muss reichen fürs gute Gewissen.

Wer billigt kauft, schadet dem Tierwohl.

Politik und Industrie versichern einander unverblümt, dass wir mit dem geplanten Tierwohlkennzeichen und den bereits bestehenden Haltungsform-Labels auf dem richtigen Weg sind. Außerdem arbeitet eine „Zukunftskommission Landwirtschaft“ an einer Vision für mehr Nachhaltigkeit. Zuletzt präsentierte uns das sogenannte Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, wie ein „guter“ Umbau der Tierhaltung aussehen könnte. Die Maßnahmen gehen aus Tierschutz-Sicht nicht weit genug. Und auch Verbraucher:innen sind nicht immer ehrlich zu sich selbst.

Fleisch: Die Mehrheit will es Bio, doch kauft beim Discounter

In Umfragen bestätigt die Mehrheit, überwiegend beim Schlachter des Vertrauens Bio-Koteletts zu kaufen. Die Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. Zwar steigt der Absatz von Bio-Fleisch, er dümpelt aber nach wir vor im einstelligen Prozent-Bereich. Wer die Wahl hat, greift also letztendlich doch meist gern zum billigeren Angebot. Supermärkte bieten tierische Produkte an, die oft nur den gesetzlichen Mindeststandards entsprechen. Und die Politik setzt Kommissionen mit visionären Namen ein, statt endlich wirksame Gesetze zu erlassen. Zeitgleich erschüttern immer wieder Skandale in der Nutztierhaltung, wie der in Alt Tellin, unsere Republik.

Alt Tellin hat uns wieder kurz wachgerüttelt: Auf der einen Seite stehen nun ein Landesminister und eine Bundesministerin, die jegliche Verantwortung von sich schieben, und Politiker:innen, die sich dafür einsetzen wollen, dass „so etwas“ nicht noch einmal passiert. Auf der anderen Seite haben wir immer noch eine auf Kosteneffizienz getrimmte Industrie, bei der solche Unfälle nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel sind. Kollateralschäden im Nutztierland. Tierwohl und Wirtschaftlichkeit zusammenzubringen und unsere Gesellschaft zu entwöhnen von den gelernten Billigpreisen, das wird die große Herausforderung in Zukunft sein. Eine Quadratur des Preises, sozusagen.

BranTierschutz führt zu höheren Preisen beim Fleisch

Niemand hat gesagt, dass es einfach wird. Aber wir müssen endlich die Systemfrage stellen, statt erneut eine heuchlerische Debatte über den „Einzelfall“ Alt Tellin zu führen. Welche finanziellen „Opfer“ sind wir bereit zu bringen für mehr Tierwohl? Reichen ein paar Rauchwarnmelder oder Sprinkleranlagen in den Mast- und Zuchtfabriken? Wollen wir uns nicht lieber eine Tierhaltung ohne Zwangsfixierung leisten, dafür mit mehr Platz für die Tiere und mehr Auslauf im Freien? Das bedeutet umfangreiche Investitionen. Landwirte würden ihr Fleisch dann zu Preisen anbieten müssen, die im globalen Wettbewerb nach dem billigsten Schnitzel nicht immer mithalten könnten. Und auch Verbraucher:innen müssten für ihren Fleischgenuss deutlich mehr bezahlen. Es wäre eine langfristige Abkehr vom Prinzip „Masse statt Klasse“ in der Fleischproduktion und der konservativen Agrarpolitik in Deutschland.

Sind wir dazu bereit? Wir müssten eine ehrliche Debatte führen darüber, dass „mehr Tierwohl“, verbunden mit einem gleichzeitigen „Weiter so“, unmöglich ist. Wir müssten uns eingestehen, dass Profit und günstiges Fleisch nicht mehr höher bewertet werden dürfen als das Wohl unserer sogenannten Nutztiere. Solange dieser Diskurs nicht stattfindet, wird sich kaum etwas ändern. Dieses Verharren in alten Positionen und das Auf-andere-Zeigen sind einer sich als Vorbild empfindenden Nation unwürdig. Es ist ein typisch deutsches Dilemma, alles besser machen zu wollen und dabei auf nichts verzichten zu können.

Martin RIttershofen arbeitet bei der globalen Stiftung für Tierschutz VIER PFOTEN als Kampagnenverantwortlicher für den Bereich Nutztiere.

Rubriklistenbild: © Christophe Gateau

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