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Donald Trump und der Rassismus in den USA

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Von: Marina Kormbaki

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Nach dem Tod von George Floyd
Nach dem Tod von George Floyd ist in den USA die Debatte um den Rassismus in Polizei und Justiz wieder aufgeflammt. © Mark Vancleave/picture alliance/dpa

Vor Trump war der Kampf gegen Rassismus in den USA hart. Mit Trump wird er härter. Der Leitartikel.

George Floyd liegt im Sterben, als er der US-amerikanischen Öffentlichkeit einen letzten Dienst erweist. „I can’t breathe“, keucht der schwarze Mann, während ihm ein weißer Polizist sein Knie in den Nacken drückt, „Ich kann nicht atmen“. Es sind dieselben verzweifelten Worte, die auch Eric Garner vor sechs Jahren ausstieß, als er von Polizisten zu Boden gedrückt wurde. Der sterbende George Floyd zitiert den toten Eric Garner.

Floyds gleichlautende Klage ist der ähnlichen Situation geschuldet. Die wiederkehrende Wortwahl zeigt aber auch auf, dass tödliche Polizeigewalt gegen Schwarze kein Einzelschicksal ist. George Floyd widerlegt die Mär vom rassistischen Einzelfall.

Floyds Tod und die Proteste in Minneapolis werfen ein Schlaglicht auf den Umgang des Landes und seiner Institutionen mit der afroamerikanischen Bevölkerung. Die USA haben ein Rassismusproblem, und das nicht erst seit kurzem. Ausgrenzung, Ausbeutung und Unterdrückung Schwarzer sind ein Wesensmerkmal der USA. Deren Aufstieg zur wirtschaftlichen Großmacht wäre ohne Sklaverei nicht möglich gewesen. Das in der US-Hymne beschworene „Land der Freien“ blieb aus Sicht vieler mehr Anspruch als Wirklichkeit, bis heute.

Zwar zog die Bürgerrechtsbewegung gegen diskriminierende Gesetze zu Felde und war erfolgreich, etwa beim Recht auf Bildung, auf Wählen oder Eigentum. Doch selbst zwei Amtszeiten des schwarzen Präsidenten Barack Obama haben nicht ausgereicht, um den Rassismus aus dem Alltag zu beseitigen.

Die systematische Benachteiligung von Menschen dunkler Hautfarbe zieht sich durch sämtliche Lebensbereiche: Stets belegen sie das traurige Ende von Statistiken. Ganz gleich, ob die vom Wohlstand im Land handeln, von Bildungsabschlüssen, Gefängnisbelegung – oder von der Lebenserwartung.

Die Corona-Pandemie legt offen, wie ungleich Überlebenschancen in Amerika verteilt sind. Die USA haben die Marke von 100.000 Covid-19-Toten überschritten. Von den 100 000 offiziellen Toten ist fast jeder vierte Afroamerikaner – bei einem Bevölkerungsanteil von 13 Prozent. Auch die Todesrate von Latinos ist überproportional hoch. Oft heißt es, das Virus sei ein großer Gleichmacher, es schlage ohne Rücksicht auf Privilegien zu. Doch das stimmt nicht. Zwar kann sich jeder mit dem Virus infizieren. Doch weiß und wohlhabend zu sein, steigert die Überlebenschancen.

Schwarz zu sein bedeutet in den USA hingegen, einem erhöhten Erkrankungsrisiko ausgesetzt zu sein. Diabetes, Bluthochdruck und Asthma sind unter Afroamerikanern weit verbreitet. Ein Körper mit diesen Vorerkrankungen geht geschwächt in den Kampf gegen das Virus. Zudem fehlt es oft an Gesundheitsschutz: Die Unterschicht hat nur beschränkten Zugang zum weitgehend privatisierten Gesundheitswesen. Und Vorsorge bleibt ihr oft verwehrt: Die Schwarzen in den Fleischfabriken und die Latinos auf dem Bau können ihre Arbeit nicht ins Homeoffice verlegen.

Lange hegten die Liberalen in den USA die Hoffnung, dass sich ethnische Ungerechtigkeiten angesichts des raschen demografischen Wandels fast von allein geben würden. Wenn Weiße nicht mehr in der Mehrheit sind, gehen Macht und Einfluss automatisch auch auf US-Bürger mit afroamerikanischen, Latino- oder asiatischen Wurzeln über. Eine bequeme Vorstellung, die sich unter US-Präsident Donald Trump als naiv erweist.

Trump setzt Amerikanischsein mit Weißsein gleich. Er ist fest entschlossen, weiße Privilegien zu verteidigen, und seine Republikaner gehen den ethnonationalistischen Schwenk mit. Weil sich mit diesem Kurs im diversen Amerika schwer Wahlen gewinnen lassen, tricksen sie.

Sie schneiden sich Wahlbezirke so zurecht, dass weiße Wähler in der Mehrheit sind. Sie verbieten Vorbestraften – sehr oft Schwarze – das Wählen. Um die Wahlbeteiligung bei der Präsidentschaftswahl zu drücken, will Trump Briefwahlen verhindern, trotz Corona.

Sein Kalkül ist, dass die Menschen aus Angst vor Ansteckung nicht zur Wahl gehen. Eine Angst, die in den von Corona verheerten Schwarzenvierteln real ist – und vom Präsidenten benutzt wird. Vor Trump war Amerikas Kampf gegen Rassismus hart. Mit Trump wird er härter.

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