Leitartikel

Tief durchatmen

  • schließen

Manche reagieren auf Corona hysterisch. Die große Koalition tut gut daran, sich davon nicht anstecken zu lassen. Ein paar Pläne für den Notfall reichen.

Was für eine Woche: Flüchtlingsdrama, Konjunktureinbruch, Börsenbeben und dann Corona, Corona, Corona. Eilmeldung jagt Eilmeldung, Schreckensnachricht folgt auf Schreckensnachricht. Und die gesellschaftliche Durchschnittstemperatur nimmt mit jeder neuen Schlagzeile um ein paar Zehntelgrad zu. Wäre die erregte Öffentlichkeit ein Kind, man würde es in den Arm nehmen und sagen: „Tief durchatmen – alles wird wieder gut.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Satz stimmt, ist groß. Blicken wir auf die Fakten: Rund 500 Menschen in Deutschland haben sich bislang mit dem Corona-Virus Sars-CoV-2 infiziert, bei den allermeisten läuft die dadurch ausgelöste Erkrankung Covid 19 mild. Ein paar Tage Fieber, ein bisschen Husten – das war’s. Viele Infizierte bemerken die Krankheit noch nicht einmal – oder verwechseln sie mit einer leichten Erkältung. Selbst wenn die Fallzahlen noch steigen, ist nicht davon auszugehen, dass auf die Kliniken dieses Landes eine Welle an Schwerstkranken zurollt. Außerdem steht der Frühling vor der Tür – und mit wärmerem und trockenerem Wetter ebben Krankheitswellen erfahrungsgemäß ab.

Wenn wir ehrlich sind, geben wir zu, dass der Corona-Ausbruch bislang vor allem ein psychologisches Problem ist. Die Unsicherheit steigt und die in Deutschland seit jeher weit verbreitete Sorge, dass der Staat die Sache nicht in den Griff bekommt. Erfahrungsberichte, Fotos und Video-Schnipsel in sozialen Medien schüren diese Angst.

Die Diskussion über Hamsterkäufe steht sinnbildlich dafür. Es gab in dieser Woche einzelne Regale in deutschen Supermärkten, die zeitweise leer waren. Konserven und haltbare Lebensmittel wurden stärker nachgefragt als sonst, Seife, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier auch.

Für die häufig zitierten Nudeln hat die Gesellschaft für Konsumforschung einen Nachfrageanstieg von 70 Prozent gemeldet. Das klingt viel, hat aber mit echten Hamsterkäufen, also der Bevorratung weit über den Eigenbedarf hinaus, wenig bis gar nichts zu tun. Wenn sieben von zehn Pasta-Liebhabern statt eines Paketes zwei kaufen, ist die Steigerung von 70 Prozent schon erreicht.

Supermärkte haben keinen großen Vorrat an Grundnahrungsmitteln, ihr Lager ist die Straße. Das heißt, es kommt vor allem auf die Bestellungen an und die orientieren sich an den durchschnittlichen Verkaufszahlen der letzten Monate.

Steigt die Nachfrage überraschend, sind die Regale schnell mal leer. Grund zur Panik besteht deshalb nicht, denn das Tolle an der oft kritisierten Überflussgesellschaft ist ja, dass die Regale am nächsten Tag schon wieder voll sind. Es gibt keinen Mangel an Lebensmitteln in Deutschland, allenfalls einen an schnell zur Verfügung stehenden Transportkapazitäten. Und der Handel steuert längst nach.

Die Angst vieler Menschen ist irrational – aber menschlich. Wirklich ärgerlich dagegen sind politische Trittbrettfahrer, die die nun um sich greifende Corona-Hysterie ausnutzen wollen, um alten Forderungen neuen Schwung zu verleihen. Vor allem in der der Wirtschaft erliegen viele dieser Versuchung. Seit Jahren fordern die Industrieverbände Steuersenkungen und andere staatliche Beihilfen. Die Begründungen variieren: Trump-Wahl, Brexit, Handelskrieg – und nun eben Corona. Wohlgemerkt: Angesichts großzügiger Steuersenkungen in den USA wird auch Deutschland irgendwann über die Wettbewerbsfähigkeit seiner Unternehmen nachdenken müssen. Mit der aktuellen Virus-Welle hat das aber nichts zu tun.

Die große Koalition tut gut daran, sich von der Hysterie nicht anstecken zu lassen. Es reicht fürs Erste, die Entwicklung aufmerksam zu beobachten und Pläne für den wirtschaftlichen Notfall zu entwickeln. Mehr ist im Moment nicht nötig. Man kann eine Krise auch herbeireden.

Angesichts der weit verbreiteten Jammerei in deutschen Vorstandsetagen schien es in den vergangenen Jahren bisweilen fast so, als wenn es versucht würde. Geklappt hat es zum Glück nie. Es wäre wünschenswert, wenn es dabei bliebe. In diesem Sinne: Tief durchatmen. Alles wird wieder gut. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare