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Leere Stühle und Tische sind im Bundesrat zu Beginn der Sitzung für das Land Thüringen zu sehen.

Kolumne

Thüringens Zugvögel

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Parallelen zur Tierwelt haben die Thüringer Wirren nicht. Klar ist aber: Wenn in der Vogelwelt die Orientierung verloren geht, endet das tödlich.

Epimythion ist ein wohlklingendes Wort, spielt allerdings im täglichen Sprachgebrauch nicht die ganz große Rolle. Seine Bedeutung dürfte aber jedem als „Die Moral von der Geschicht“ geläufig sein. Da lernt der Mensch, was er sich vom schlauen Füchslein, von Hase und Igel abschauen kann. Die Zeiten, als Tierfabeln eingesetzt wurden, um die staatliche Zensur zu umgehen, sind zumindest in Mitteleuropa vorbei, doch das Literaturgenre lebt fort. Zu dem, was sich, ausgelöst durch die Wahl in Thüringen, derzeit in Deutschland abspielt, fällt einem aber keines dieser fein formulierten, humorvollen und mitunter moralinsauren Gleichnisse ein, die Weisheiten fürs Leben vermitteln. Denn die Verhältnisse, sie sind eben nicht fabelhaft.

Hilft da vielleicht ein Blick in die reale Tierwelt? Gen Himmel, gerade jetzt, da die Wanderungen der Zugvögel aus den Winterquartieren nach Norden beginnen?

Die Mitglieder eines Schwarmes sind sich einig, wohin die Reise geht und fliegen zielstrebig in die gleiche Richtung. Ein erfahrener Vogel bildet die Spitze der V-Formation. Doppelspitzen gibt es nicht, und das Geschlecht des vordersten Tieres kann männlich oder weiblich sein. Es spielt keine Rolle, denn man wechselt sich sowieso öfter ab. Im Windschatten der vorderen Vögel fliegt es sich kräftesparend. Mindestens so wichtig wie die Frage des Energiesparens ist es, den Abstand zu Vordermann oder -frau, oder besser Vordervogel, nur so groß werden zu lassen, dass Kommunikation und Koordination auf keinen Fall leiden. Gibt es Parallelen zum Geflatter in der aktuellen Debatte über die Besetzung von christdemokratischem Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur? Fehlanzeige!

Thüringen: Hilft ein Blick in die Tierwelt? 

Denn wohlformierten Zügen bei Kranichen und Gänsen steht ein ganz anderes Zugmodell gegenüber, das viele Singvogel-Arten zeigen. Bei dicht geballten Individuenwolken, dem Anschein nach ohne Anführer, entscheidet die Mehrheit, wo man ein Päuschen einlegt und wie man ans Ziel gelangt. Das Chaos ist allenfalls scheinbar, auch hier findet sich also keine aktuelle politische Entsprechung.

Irgendwie ist das Zugverhalten in beiden Strategien angeboren. Das gefiederte Individuum hat keine Entscheidungsfreiheit. Schon deswegen ist es kaum sinnvoll, Parallelen zum derzeitigen Verhalten der Parteien zu suchen, auch wenn die Versuchung groß ist. Es fehlt am Instinkt.

Orientierungslosigkeit wäre bei den Arten, die einem Ziel folgen, jedenfalls tödlich. Ob sie politisch existenzbedrohend wird, dazu gibt es Vorhersagen, die wenig Gutes beinhalten. Immerhin gibt es in der Vogelwelt keine Gefahren durch irgendeine blau-braune Alternative.

Die Verwirrung ist derzeit ohnehin groß. Da grassiert ein böses Virus, das wie eine mexikanische Biermarke heißt und wirklich ansteckend ist. Dagegen ist der Bazillus thuringiensis zwar nach dem schönen, schwierigen Bundesland benannt, das Bakterium überträgt aber keine Krankheiten. Hier verknüpft sich der Name Thüringens nicht nur mit Klößen und Bratwurst, sondern auch mit diesem Bazillus, der zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt wird – gegen Stechmücken. Das klingt schließlich doch irgendwie fabelhaft.

Von Manfred Niekisch

In Erfurt haben am Samstag Tausende ihrem Unmut über den Eklat bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen Luft gemacht.

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