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Das Manöver von Erfurt hat dem Ansehen der Politik geschadet. 

Männerbünde ohne Verantwortungsgefühl

Thüringen oder das Spinnennetz feixender Politstrategen

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Vom Erfurter Manöver wird übrig bleiben, dass dort ein Männerbund jegliche Bindung zu gesellschaftlicher Verantwortung verloren hat. Die Kolumne.

Die Thüringen-Affäre hat nicht nur die parlamentarischen Routinen erschüttert, sondern auch Furchen in der politischen Ikonographie des Landes hinterlassen. Während man es noch als trotzige Unmutsäußerung werten mochte, wie die linke Landeschefin dem gerade gewählten Ministerpräsidenten Kemmerich (FDP) verachtungsvoll einen Strauß Blumen vor die Füße warf, darf man dem AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke den ungenierten Zugriff auf eine historisch motivierte Mimikry unterstellen.

Thüringen: Höckes Triumph in der Symbolpolitik

Vermutlich musste er nicht einmal sehr lange vor dem Spiegel üben. Es ist ein weiterer Triumph rechter Symbolpolitik, dass Höckes demütiger Glückwunsch allseits mit dem scheinbar unterwürfigen Handschlag abgeglichen wurde, mit dem Hitler am 21. März 1933 Reichskanzler Hindenburg in Potsdam begrüßte.

Je genauer man das Bild anschaut, desto tiefer scheint man in das Spinnennetz feixender Politstrategen zu geraten, die beim Ausagieren ihrer Heldenphantasmen einiges darauf halten dürften, alles minuziös geplant zu haben. Nun sitzen sie vor den Trümmern, die nicht zuletzt das Produkt einer sich selbst ermächtigenden Männerfantasie sind.

Thüringen: Ohne gesellschaftliche Verantwortung gehandelt

Als eine das parlamentarische System gefährdende Haltung wird vom Erfurter Manöver übrig bleiben, dass dort ein männerbündisches Jungs-Ding aufgeführt wurde, dem jegliche Bindung zu gesellschaftlicher Verantwortung und demokratischer Legitimation abhandengekommen ist. Mit bloßer Empörung über die Verrohung der parlamentarischen Sitten allerdings kommt man der Sache nicht bei.

Während Max Weber in seinem berühmten Vortrag von 1919 über „Politik als Beruf“ sachliche Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und distanziertes Augenmaß zu den wichtigsten Qualitäten eines Politikers erhoben hat, scheint weit über Erfurt hinaus das robuste Abräumen von derlei Prinzipien ein überaus erfolgversprechendes Verhalten zu sein.

Donald Trump macht Anstandsverletzung vor

Der US-amerikanische Präsident Donald Trump hat vorgemacht, dass Anstandsverletzungen, Opportunismus und Regelbruch eher als Gradmesser von Machtbewusstsein und Durchsetzungskraft wahrgenommen werden, denn als Ausdruck eines schlechten Charakters.

Der Berliner Politologe Herfried Münkler hat darauf verwiesen, dass die Erfurter Mischung aus Skrupellosigkeit und handwerklicher Unfähigkeit auch etwas mit der schwierigen Rekrutierung des politischen Personals in den ostdeutschen Bundesländern zu tun hat.

CDU lässt Kramp-Karrenbauer ins Leere laufen

Damit übersieht er allerdings eine auch in der westdeutschen CDU ausgeprägte Ungeduld, das Abtreten von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht abwarten zu können – ganz zu schweigen von der genüsslichen Haltung, mit der man Annegret Kramp-Karrenbauer als Parteivorsitzende, Ministerin und Merkel-Nachfolgerin ins Leere laufen ließ.

Erhöhter Testosteron-Pegel in der CDU

Angesichts des erhöhten Testosteron-Pegels in der CDU ist es denn auch wenig wahrscheinlich, dass der besonnen erscheinende Armin Laschet derjenige sein wird, der die CDU wieder auf ihre Herkunft aus der bürgerlichen Mitte einzuschwören vermag.

Es ist leider nicht so, dass die gesellschaftliche Spaltung allein von den sozialen Randzonen aus die Mitte verunsichert. Tatsächlich ist der neue, bei nicht wenigen Wählern attraktive Politikstil von einer zwanghaft-heroischen Machbarkeitsfantasie durchdrungen, durch die die Verpflichtung aufs Gemeinwohl unter die Räder kommt.

Harry Nutt

Schwierig wird die Festlegung eines Zeitpunkts für die Neuaufstellung der CDU. Es gibt gute Gründe gegen einen schnellen, aber auch gegen einen späten Wechsel.

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