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Theresa May hat viele Fehler gemacht.
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Theresa May hat viele Fehler gemacht.

Wahl in Großbritannien

Theresa May steht vor einem Chaos

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
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Die britische Regierungschefin hat bei der Wahl die Quittung für ihre vielen Fehler bekommen und bleibt nur knapp im Amt.

Wie viele englische Vokabeln hat auch das Wort Mayhem einen kontinentaleuropäischen Ursprung. Es kann seine Verwandtschaft mit dem Verbum maim (verstümmeln) nicht leugnen, das Lexikon gibt eine ebenso präzise wie knappe Übersetzung: Chaos.

An Glaubwürdigkeit und Macht verstümmelt steht Theresa May vor einem selbstverschuldeten Chaos. Mutwillig hat die britische Premierministerin eine unnötige Unterhauswahl vom Zaun gebrochen. Dann führte die 60-Jährige eine Wahlkampagne, von der ein Loyalist am Freitag morgen sagt, seine Partei habe sich nicht ins Knie, sondern in den Kopf geschossen.

Im Zeitalter permanenter Selbstentblößung und schreienden Voyeurismus verkörpert May altmodische, beinahe vergangen geglaubte britische Tugenden: Sie ist verschwiegen, scheut große Gesten und ist reserviert. Wohltuend hob sich die zugeknöpfte Pfarrerstochter ab von den alpha-männlichen Marktschreiern wie David Cameron und Boris Johnson. Auch deshalb fiel ihr im vergangenen Sommer nach dem Brexit-Votum und dem anschließenden politischen Chaos in London das höchste Regierungsamt zu.

Kompetent hat Theresa May ihre Partei stabilisiert und Ende März den vom Volk knapp befürworteten EU-Austritt eingeläutet. Und bis Mitte April galt, was die Politikerin bei jeder Gelegenheit beteuerte: Das Land brauche Ruhe und Stabilität, vorgezogene Neuwahlen seien „nicht im nationalen Interesse“.

Dann verkündete May genau das Gegenteil: Plötzlich sollte das Interesse des Landes darin bestehen, das Unterhaus neu zusammenzusetzen. In Wirklichkeit ging es um das Interesse ihrer Partei: Angesichts anhaltender Umfragewerte, die den Konservativen einen Vorsprung von bis zu 20 Punkten vor Labour attestierten, wollte die Premierministerin einen Erdrutschsieg feiern, nicht zuletzt mit Hilfe von Wählern der EU-feindlichen, als Partei in Trümmern liegenden Ukip.

Was viele abtaten nach dem Motto „So sind Politiker nun einmal“, war in Wirklichkeit ein politischer Kardinalfehler. Plötzlich sah Mays Reserviertheit aus wie Arroganz, wirkte ihre Abgeneigtheit gegenüber politischer Show wie emotionale Verarmung, wurde aus angenehmer Verschwiegenheit uncharmante Phrasendrescherei.

Im gleißenden Scheinwerferlicht der Wahlkampagne kam eine höchstens zweitrangige Kommunikatorin politischer Botschaften zum Vorschein. Ehrlicherweise hätte Mays Leitmotiv lauten müssen: Ich weiß zwar auch nicht, was ich will, aber lasst mich nur machen. Dazu sind die Briten zu misstrauisch.

Für Corbyn gilt beinahe spiegelbildlich: Der Labour-Vorsitzende ist aus dem Schatten seines eigenen Zerrbilds getreten. Unbeirrt von brutalen Angriffen der rechten Boulevardpresse und dem passiven Widerstand großer Teile der bisherigen Fraktion verfolgte der 68-jährige linke Veteran seine Kampagne: hoffnungsvoll, dynamisch, populistisch, mit klar umrissenen Reformideen wie der Verstaatlichung von Eisenbahn und Post sowie mehr Geld für Schulen und Krankenhäuser.

Mag die Finanzierung solcher Vorhaben auch mehr als vage geblieben sein – erstmals seit einem Vierteljahrhundert kämpfte die alte Arbeiterpartei von einer klar linken Position aus, Weil May ihr Programm in der Mitte angesiedelt hatte, ist es Corbyn auf einen Schlag gelungen, Großbritanniens politische Debatte ein wenig nach links zu zerren. Kurioserweise entspricht die Brexit-Insel damit erstmals seit zwei Jahrzehnten wieder mehr dem kontinentaleuropäischen Mainstream.

Beide große Parteien verzeichneten großen Stimmenzuwachs. Mindestens in England, dem übermächtigen Teil des Vereinigten Königreiches, ist das schon verloren geglaubte Zwei-Parteien-System mit Macht zurück. Landesweit haben die nationalpopulistische Ukip und die Liberaldemokraten, in Wales und Schottland auch die jeweiligen Nationalisten, an Boden verloren. 2015 entschieden sich kaum mehr als zwei Drittel (67,4 Prozent) der Briten für Tories und Labour, diesmal waren es 82,4 Prozent.

Corbyns Verdienst ist vor allem, dass er die junge Generation nicht nur mitriss, sondern auch dazu bewegte zu wählen. Dass die Beteiligung so hoch lag wie bei Unterhauswahlen seit 20 Jahren nicht mehr, sollte jeden Demokraten freuen, zumal über dem Urnengang der dunkle Schatten des islamistischen Terrors lag.

Dem Linksaußen die Geschicke des Landes anzuvertrauen, dazu fehlte den Briten die Experimentierfreude. May erhält eine allerletzte Chance, wenn auch innerparteiliche Rivalen wie Boris Johnson und David Davis die waidwunde Chefin belauern. Sie ist auf die nordirischen Unionisten angewiesen, denen ein Ausgleich mit Brüssel stärker am Herzen liegt als manch englischem Nationalisten in der konservativen Fraktion.

Die Premierministerin hat Gelegenheit, ihren Kurs auf einen bedingungslosen harten Brexit zu überprüfen. Die 60-Jährige muss ihren Stil ändern, konsensuale Politik machen, die Interessen der 48 Prozent Brexit-Gegner im Auge behalten. Sonst erlebt sie das Jahresende nicht in der Downing Street.

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