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Feindbild der "Pegida"-Marschierer: die "Lügenpresse".

Lügenpresse

Theorie vom gleichgeschalteten Journalisten

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Hinter beinahe jedem Pressetext wittert das „Volk“ die Lüge. Doch warum drehen die Medien kollektiv an der Wahrheit? Sind alle Journalisten manipuliert und gekauft? Oder nur einfache Lügner? Die Kolumne.

„Lügenpresse“, für die einen ein Unwort, für die anderen fester Bestandteil einer gepflegten Diskussion, umschreibt griffig, was für manche Kritiker der hiesigen Medienlandschaft Fakt ist: eine uniforme Presse, die aus allen Kanälen schießt, um Inhalte zu manipulieren. Hinter beinahe jedem Text wähnt das „Volk“ die Lüge, wobei der Vorwurf des Verschweigens genauso schwer wiegt. Denn wer schweigt, stimmt bekanntlich zu. Die Journalistin Dunja Hayali wollte es von ihren Kritikern genau wissen: „Warum glauben Sie, dass wir lügen? Ich wüsste nicht, warum ich lügen sollte“, fragte sie ein Gegenüber, das ihr entgegnete: „Ich kann Ihnen nicht sagen, warum Sie tun, was Sie tun. Ich kann Ihnen auch nicht sagen, von wem Sie gesteuert sind.“

Gesteuert und gekauft – das sind sicherlich die häufigsten Unterstellungen von denjenigen, die Journalisten als abhängige Büttel der Systempresse begreifen. Karl Albrecht Schachtschneider, ehemaliger Professor für Staatsrecht, sieht sich entsprechend in einer „bürokratischen Diktatur verbunden mit einer Propaganda und einem Moralismus, der die freie Rede verbietet“. Der Hausreferent des Kopp-Verlags glaubt zu wissen, dass die Journalisten ihre wahre Meinung gar nicht mehr sagen dürften. Zu fest sei der Griff der Politik. Übersetzt meint das eine freiwillige Knechtschaft, in die sich die Journalisten durch „Selbstzensur“ jeden Tag aufs Neue begeben – fest die moralische Agenda der großen Politik im Blick, die zu missachten einem beruflichen Suizid gleichkäme. Es wäre zumindest die Erklärung einer Handlungsmotivation, auch wenn diese einem ganzen Berufsstand masochistische Selbstzerfleischung unterstellt.

Masochistische Selbstzerfleischung

Ein anderer Motivationsstrang lässt sich beim Thema Flüchtlinge beispielhaft aus einem Aufsatz der ehemaligen „Tagesschau“-Sprecherin Eva Herman herausdeuten: „Jede vorsätzliche Lüge wird solange,…, in Fernsehen und Presse wiederholt, bis sich kaum jemand der Propaganda zu entziehen vermag.“ Das christliche Abendland werde durch eine „Überflutung von Afrikanern und Orientalen,…, zu einem Umsturzland“, während „eine bestimmte Gruppe von Machtmenschen“, die Strippen ziehe. Aus dieser Perspektive beteiligt sich die Presse an nichts weniger als an der Zerstörung des europäisch-christlichen Volkskörpers durch Zuwanderung, wobei parallel die reinrassige Fortpflanzungsfront schon längst dem „Gender Mainstreaming“ geopfert wurde. Ist es die vermeintliche Interessengleichheit mit dem Großkapital, das, mancher rechten Theorie folgend, von einer Internationalisierung profitiert und die Journalisten flächendeckend mit einem Handgeld versorgt? Oder reicht der Hass einer angeblich linken Presse gegen das deutsche Vaterland für den angenommenen Hang zur Apokalypse?

Vielleicht trifft aber auch der Ansatz des Kommunikationswissenschaftler Armin Scholl zu, der im „Lügenpresse“-Vorwurf einen „deutlich verschwörungstheoretischen Charakter“ vermutet. Die Lüge beziehe sich insbesondere im Diskurs um die Flüchtlingspolitik gerade nicht auf das Negieren von Fakten, es werde vielmehr damit eine Meinung gekennzeichnet, die als verlängerter Argumentationsarm für die politische Agitation nicht taugt. Wenn dem so ist, können viele Journalisten letztlich schreiben und erzählen, was sie wollen.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der FR-Onlineredaktion.

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