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Wie finanziert man die Rente? Bisher sind die Lösungsmöglichkeiten eingeschränkt - und laufen auf die immer selben Gegenstrategien hinaus.

Altersvorsorge

Das Thema Rente muss anders angepackt werden

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Die Rente ist sicher. Sie glauben das nicht? Kein Wunder, denn die Debatte über die Rente läuft grundsätzlich falsch. Wie wäre es mit einem Perspektivwechsel? Der Leitartikel.

Bei Maybritt Illner bröckelte das „t“ aus der Rente, womit schon der Schriftzug im Bühnenbild die Richtung der Debatte klar machte. Markus Lanz wiederum zeigte sich entgeistert, dass der Rentenzuschuss des Bundes im kommenden Jahr auf mehr als 100 Milliarden Euro steigen soll – ohne Berücksichtigung der Grundrente. Und die in die Fernsehsendungen eingeladenen Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verbänden stimmten mehr oder weniger in den Tenor ein: Deutschland hat ein Problem, ein Rentenproblem.

Wirklich? Nun, der bekannte Verweis darauf, dass es im Verhältnis zur Erwerbsbevölkerung immer mehr Ruheständler geben werde, fehlte auch diesmal nicht. Und auch wenn er nicht falsch ist, so vernebelt er doch die Sicht auf die Dinge. Schließlich verkürzt er die Debatte über die Finanzierung der Rente darauf, dass die Lohnempfänger immer mehr Ruheständler von ihrem Gehalt mitfinanzieren müssen. Das führt automatisch zu einem Gefühl von Überforderung und Ausweglosigkeit bei den Betroffenen.

Immer dieselben Gegenstrategien zur Finanzierung der Rente

Schlimmer aber noch: Wenn die Problemanalyse nicht über diesen Punkt hinauskommt, bleiben auch die Lösungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Sie laufen dann auf die immer selben Gegenstrategien hinaus: Länger arbeiten, höhere Beiträge, weniger Rente. Sozialpolitisch stoßen diese Ansätze schnell an ihre Grenzen. Schließlich sind die Möglichkeiten, länger zu arbeiten, in vielen Berufen sehr eingeschränkt. Da ist es schon eine Leistung, bis zum 60. Lebensjahr im gelernten Beruf tätig zu bleiben. Und dass sich Rentenzahlungen nicht beliebig kürzen und Rentenbeiträge nicht beliebig erhöhen lassen, erschließt sich von selbst.

Das Rententhema muss also anders angepackt werden, nämlich bei der Wirtschaft. Sie ist die Grundlage des Wohlstands. Dort wird das Geld zum Leben erwirtschaftet. Und die gute Nachricht ist: Diese Wirtschaft wächst. Der Wohlstand wächst. Und wenn die Prognosen der Ökonomen stimmen, wird diese Wirtschaft auch im kommenden Jahrzehnt wachsen. Das Münchner Ifo-Institut erwartet in einer Analyse für die Bundesregierung ein Wirtschaftswachstum von im Durchschnitt 1,14 Prozent pro Jahr bis 2030. Die Schweizer Großbank Credit Suisse sagt 1,2 Prozent voraus. Und die Unternehmensberatung PWC erwartet, dass die deutsche Wirtschaftsleistung 2030 ein Viertel größer sein wird als 2014, und 2050 dann fast drei Viertel.

Etwas Optimismus für die Rente

Nun sind Prognosen immer mit Unsicherheit behaftet. Das darf man nicht außer Acht lassen. Aber etwas von dem Optimismus, der aus diesen Zahlen hervorgeht, dürfte schon in die Rentendebatte überschwappen. Denn sie bedeuten ja nichts anderes, als dass es in Zukunft voraussichtlich mehr Wohlstand geben wird – bei einer bis dahin vermutlich sogar kleiner gewordenen Bevölkerung. Rechnerisch betrachtet hat jeder mehr zur Verfügung als heute. Den Bürgern geht es besser als heute, und das Leben ist in diesen Tagen für die meisten ja auch schon nicht schlecht.

Lässt man sich auf diese Perspektive ein, geht es nicht mehr darum, ob der Ruhestand finanziert werden kann, sondern wie man den Ruhestand finanziert. Da kann es durchaus sein, dass die Löhne nicht mehr die richtige Grundlage sind, weil sich möglicherweise aufgrund von Digitalisierung und Automatisierung die Einkommen stärker hin zu den Kapitalgebern und Firmeneigentümern verschieben.

Rente finanzieren - Politik muss auf Strukturveränderungen reagieren

Dann muss die Politik auf diese Strukturveränderungen reagieren, zum Beispiel, indem sie Kapitaleinkommen, Maschinenarbeit, Finanztransaktionen oder Daten stärker besteuert. Damit würden die Löhne entlastet, womit sich jüngere Generationen keine Sorgen um ihr Auskommen machen müssten und die Renten gleichwohl sicher wären. Und wohlgemerkt: Alle Bürger hätten immer noch mehr zur Verfügung als heute.

Es geht also um politischen Gestaltungswillen und nicht um ein unausweichliches Schicksal, dem wir in der Rentenfrage ausgeliefert wären. Die Steuerzuschüsse für die Rentenversicherung zeigen ja schon heute, dass sich die Altersversorgung auch mit einem Mix verschiedener Finanzquellen bestreiten lässt. Nun geht es darum, diesen durch kluge Instrumente zu erweitern. So sähe dann eine Sozialpolitik aus, die Antworten auf die Sorgen und Nöte der Bürgerinnen und Bürger findet, statt Angst und Generationenkonflikte zu schüren. Alles andere ist Vogel-Strauß-Politik.

Am Sonntag (10.11.2019) hat sich die große Koalition auf einen Kompromiss in Sachen Grundrente geeinigt. Alles, was Sie zum Thema Grundrente wissen müssen.

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