+
Einsatzkräfte in London nahe dem Borough Market.

London, Turin, Nürburgring

Theater des Terrors

  • schließen

Wir erleben gerade die dramatische Politisierung des öffentlichen Raumes, in dem besonnene Bürger auf kriegerische Ideologen treffen. Der FR-Leitartikel.

London calling. Angesichts des neuerlichen Terroranschlags in Großbritannien ist es fast zu vernachlässigen, dass die Rockfans vom Nürburgring am Freitag in routinierter Unaufgeregtheit vorübergehend den geordneten Rückzug antraten, nachdem die Polizei die Veranstalter gedrängt hatte, den Konzertreigen aufgrund einer akuten Gefahrenlage zu unterbrechen.

So ist der Sommer. Die Menschen versammeln sich nach wie vor zu großen Massenveranstaltungen oder zu ihrem bloßen Vergnügen unter freiem Himmel. Turnfest, Karneval der Kulturen – man ist so frei. Aber wenn die organisierte Ausgelassenheit gestört wird, versagen die Einschätzungsroutinen. Das zeigt auch die Massenpanik beim Public Viewing auf dem Platz San Carlo in Turin während des Champions-League-Endspiels in Cardiff.

London, Turin und Nürburgring – die Ortsnamen dieses Pfingstwochenendes stehen gleichermaßen dafür, dass kluge Besonnenheit und das plötzliche Ausbrechen einer Panik jeweils plausible Reaktionen auf eine komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit sind. Eine, die scheinbar mühelos auch in das Showgeschäft zu integrieren ist.

So kehrte der amerikanische Jungstar Ariana Grande am Wochenende in pompöser Demut nach Manchester zurück, wo zwei Wochen zuvor nach ihrem Konzert über 20 Menschen durch die Bombe eines Selbstmordattentäters getötet worden waren.

„One Love Manchester“ lautete am Sonntagabend das Motto eines Benefizkonzerts, das nun im Zeichen eines doppelten „Jetzt erst recht“ ausgetragen wurde. Das mag man als moralische Anmaßung missverstehen.

Tatsächlich waren viele der auftretenden Stars um die emotionaler Betroffenheitsgirlanden bemüht. Pop must go on! Also versammelten sich Ariana Grande, Justin Bieber, Miley Cyrus, Robbie Williams, Coldplay & Co. zu einem demonstrativem Statement, das trotz aller Show-Gefühligkeit doch auch den Nerv der angegriffenen Fans in Manchester zu treffen schien.

Die Musikindustrie ist übrigens kein zufälliger Akteur in diesem Krisenszenario. Seit sie durch die legale und illegale digitale Verwertung der Musikproduktion immer weniger Tonträger verkauft, werden Live-Auftritte als direkte Vertriebsform immer bedeutender. Das Tourneegeschäft blüht und fällt zusammen mit dem ungebrochenen urbanen Bedürfnis, der eigenen expressiven Lebenslust immer neue Anlässe und Räume zu erschließen.

Die Musik spielt nicht immer umsonst, aber immer öfter draußen – und wird so zur idealen Angriffsfläche einer kriegerischen Ideologie, die all dies bekämpft. Wir erleben gerade die dramatische Politisierung des öffentlichen Raumes, in dem besonnenes Bürgerverhalten ebenso anzutreffen ist wie das plötzliche Umschlagen einer harmlosen Situation in tödliche Panik.

Wie beides gleichzeitig in menschlichen Extremsituationen zum Ausdruck kommen kann, ist selten so anschaulich dargestellt worden wie in Stewart O’Nans „Der Zirkusbrand“. Der amerikanische Schriftsteller hat die Ereignisse einer Katastrophe dokumentiert, die sich im Juli 1944 in seiner Heimatstadt Hartfort, Connecticut, zugetragen hat. Wie ein Besessener hat O’Nan die Vor- und Nachgeschichte des Geschehens ausgebreitet, ohne die Ursachen des plötzlich ausbrechenden Feuers ergründen zu können, durch das 167 Menschen starben.

Aus „Der Zirkusbrand“ lässt sich nicht lernen, wie man Katastrophen abwendet und dem Schrecken begegnet. Sehr wohl aber erfährt man aus ihm das Meiste über die Vielfalt der menschlichen Reaktionen in Ausnahmesituationen.

Lakonisch trägt O’Nan die Fakten des Infernos zusammen, als ginge es darum, eine humane Enzyklopädie des Schreckens nachzureichen: „Die Jüngeren und Stärkeren schubsten die Älteren und Schwachen über Stühle, stießen sie um und stapften über sie hinweg. (...) Doch manche Menschen kümmerten sich auch um andere.“ O’Nans „Zirkusbrand“ ist die detailversessene Rekonstruktion einer gesellschaftlichen Tragödie, aber mehr noch ist es die Feier einer Gesellschaft, die auf den öffentlichen Raum als Ausdrucksort ihrer selbst angewiesen ist.

Und so sind die dramatischen wie die festlichen Ereignisse des Pfingstwochenendes auch Momentaufnahmen einer zivilisatorischen Ausnahmesituation. Die Aussage, dass man mit Gefahren wird leben müssen, ist so trivial wie hilflos.

Manchmal aber hilft bereits eine bewusste Verlangsamung dieser Trivialität, wie sie der genialische Musiker Helge Schneider auf den Punkt brachte, als eines seiner Konzerte 2015 aufgrund von Terrorgefahr ausfallen musste.

„Jetzt bin ich in meinem Hotel und esse eine Mandarine“, sagt Schneider in einem Handy-Video und macht sich Gedanken zur Lage. „Ich kann nur sagen, wenn das so weitergeht und ich am Ende morgen auch noch mal absagen muss – dann komm ich Donnerstag wieder.“

Der Terror unterbricht immer wieder aufs Neue mit verstörender Wucht unser existenzielles Bedürfnis, sich sicher und frei im öffentlichen Raum zu bewegen. Am Ende geht es aber vor allem darum, einfach wiederzukommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare