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Der teure Unterschied

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Von: Arno Widmann

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"Taschenliebe" vereint unterhaltsame Geschichten über das Utensil.

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es eine Kolumne in der Berliner Zeitung: „Eva Corino geht durch die Stadt und fragt: Was haben Sie in Ihrer Tasche?“ Die Autorin sah in die Taschen von Alt und Jung, von Dick und Dünn, von Arm und Reich. Der Voyeurismus des Lesers wurde befriedigt, und er erfuhr von Menschen, die er niemals kennengelernt hätte. Ideal. Die Reihe erschien Anfang des neuen Jahrtausends auch in einem längst vergriffenen „Taschenbuch“. 

„Taschenliebe“ knüpft daran an. Herausgeberin Manuela Reichart bat 19 Autorinnen, über ihr Verhältnis zu ihren Taschen oder gar ihrer treuen Verbindung mit einer einzigen Tasche zu schreiben. 

Die Filmemacherin Helke Sander – sie wurde im Januar 80 Jahre alt – schreibt über Beutel, Netze, Rucksäcke und Tüten und deren wechselnde Karrieren im Leben der Autorin. Jahrzehntelang war das Wichtigste, dass DIN-A4-Formate Unterschlupf fanden. Sie weiß um die Revolutionen der Taschengeschichte. So datiert sie zum Beispiel das Auftauchen der Taschen mit Schulterriemen auf das Ende der 1960er Jahre. 

Ein großartig schwungvoller Werbetext für die Servicefreudigkeit der Deutschen Bahn ist die Geschichte, die Lucy Fricke von ihrer Tasche erzählt, die in einem Zug, den sie zu einer Zigarettenpause verlassen hatte, davon- brauste und so allein nach Düsseldorf reiste, bis die Besitzerin sie dank des Einsatzes verschiedener freundlicher DB-Mitarbeiter wieder einsammeln konnte. Mit einem Zettel darin, auf dem eine Telefonnummer und der Satz stand: „Falls Sie im Ruhrgebiet mal wieder eine rauchen wollen.“ 

In ihrem Vorwort schreibt Manuela Reichart, dass man, wenn man kann, eine Birkin Bag – benannt nach Jane Birkin – von Hermès schon für 7700 Euro haben kann, während sie auf der Secondhand-Plattform von Christie’s 65.000 Euro kostet. Reichart erzählt auch von einer Investmentbankerin, die eine pinkfarbene Birkin Bag im Safe deponiert – als langfristige Wertanlage für ihre Tochter. 

So etwas treibt einen natürlich auf die Website von Christie’s. Zurzeit läuft dort eine Online-Auktion, bei der man zum Beispiel bei einer Hermès-Tasche (2017) aus schwarzem Alligatorenleder bei 45.500 US-Dollar zuschlagen könnte. Es gibt Parallelgesellschaften, die uns spielend in die Tasche stecken.

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