Leitartikel

Das Tesla-Versprechen

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Das geplante Werk für E-Autos bei Berlin hat viele Vorzüge. Die Politik sollte das Projekt deshalb unterstützen. Ein Sorglospaket für den Hersteller Musk und seine Investoren darf es aber nicht geben.

Es kommt nicht so oft vor, dass sich Manager bei der Konkurrenz bedanken. Doch man darf es VW-Chef Herbert Diess abnehmen, als er jüngst zu Tesla-Gründer Elon Musk sagte: „Ich danke Ihnen dafür, dass Sie uns antreiben.“ Bei den deutschen Autobauern hat das bereits Wirkung gezeigt, die E-Autos kommen. Und nun könnte der einstige Branchenschreck sogar zum Verbündeten bei einem Gemeinschaftsprojekt werden: Schon Teslas Ankündigung – mehr ist es noch nicht – eine Fabrik für Elektroautos und Batterien vor den Toren Berlins zu bauen, bringt die Elektromobilität in Europa voran.

Rund um Berlin kennt die Euphorie verständlicherweise kaum Grenzen. Hightech, Industrie, Tausende Arbeitsplätze – es wäre das ganz große Los im strukturschwachen Brandenburg. Es wäre bei einem Scheitern auch nicht die erste große Enttäuschung.

Und mit einem Scheitern sollte man immer noch rechnen. Denn die Hindernisse auf dem Weg sind groß und zahlreich. Sie reichen von der deutschen Bürokratie bis zur Frage nach Teslas Finanzkraft. Musk hat bisher Fabriken in der Steppe des US-Bundesstaates Nevadas und unter dem Schutzschirm der chinesischen Regierung gebaut. Jetzt zieht es ihn in den Berliner Grüngürtel. Das Zusammentreffen des ausgewiesenen Exzentrikers mit deutschen Genehmigungsbehörden und Anwohnern verspricht mindestens Unterhaltungswert. Der Produktionsstart Ende 2021 ist jedenfalls sehr ehrgeizig.

Aber mehr Zeit hat Musk nicht, denn das ist das zweite Risiko: Die Konkurrenz ist aufgewacht, während Tesla seit Jahren massive Probleme hat. Der Elektropionier hat seinen Vorsprung bisher nicht in nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg ummünzen können – und die Zeit dafür läuft ab. Die Firma hängt noch am Tropf ihrer Investoren, und zu den spannenden Fragen des Berlin-Projekts gehört, wie die Milliardeninvestition finanziert wird.

Musk, der sich gern als freier Radikaler des Unternehmertums inszeniert, hat bei seinen vielfältigen Projekten immer wieder in großem Stil von Staatsgeld profitiert. Ob Steuererleichterungen oder Staatskredite – der Unternehmer und seine milliardenschweren Investoren haben immer darauf geachtet, den eigenen Einsatz klein zu halten.

Damit stellt sich die dritte Frage, ob es mit den braven Standortvorteilen Brandenburgs – Ökostrom, zentrale Lage – am Ende getan sein wird. Oder ob Musk gerade pokert: Gigantische öffentliche Erwartungen plus enger Zeitplan summieren sich zu hohem Druck auf die Politik, Tesla jeden echten oder vermeintlichen Stein aus dem Weg zu räumen.

Dass man ein solches Projekt voranbringt, wo es nur geht, steht außer Frage. Und das dürfen deutsche Behörden und Wirtschaftsförderer durchaus als Härtetest unter öffentlicher Beobachtung verstehen. Hier können sie beweisen, ob industrielle Großprojekte noch möglich sind.

Das heißt aber nicht, dass man Musk und den hinter ihm stehenden Investoren ein hoch subventioniertes Sorglospaket schnüren sollte. Sie verstehen sich nicht umsonst als Risikoinvestoren – sie sollen ihr Tesla-Risiko auch selbst tragen. Zum Glück gibt es klare Regeln für Unternehmenshilfen, die den Wohltaten Grenzen setzen.

Tesla, aber auch dem Rest der Branche, ist am besten geholfen, wenn sich E-Mobilität durchsetzt. Dafür ist Musks bejubelter Auftritt, so kurz und oberflächlich er auch war, von entscheidender Bedeutung. Denn wenn der aktuell größte E-Auto-Hersteller der Welt Milliarden in Europa investieren will, ist das ein Signal an alle, die noch zögern: Konkurrenten, Politiker, Kunden.

VW-Chef Diess muss sich als Elektro-Missionar – vor Jahren von Musk bekehrt oder eben „angetrieben“ – nun nicht mehr so einsam fühlen. Tesla und Volkswagen werden sich beim Werben um Fachkräfte in die Quere kommen, sonst aber viele gemeinsame Interessen haben. Der Aufbau eines Ladenetzes, die Lieferung von Batterien, die Neuausrichtung der Zulieferer, die Qualifizierung der Beschäftigten – will der Staat helfen, kann er es hier tun und dann für alle.

Auch nach dem jüngsten Autogipfel wird niemand behaupten, dass Deutschland oder gar Europa als Ganzes auf diesem Feld bisher besonders erfolgreich wären. Leuchtturmprojekte wie Teslas Fabrik bewegen in der Regel mehr als viele Autogipfel.

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