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Was Terroristen nicht wollen

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Von: Michael Herl

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Vielleicht verwandeln Pariser ihre Stadt in etwas, was sie einmal war. Ein Sündenpfuhl. Bonne Chance.

Eigentlich gibt es ja nur wenige Orte, die so viele Legenden aufzuweisen haben wie Paris. Ohne lange zu überlegen oder nachzuschlagen, fallen einem auf Anhieb Dutzende von Erlebnisse, Erinnerungen oder auch Film- und Buchzitate ein, die das Image untermauern, das die Stadt viele Jahrzehnte ausmachte. „Als wir nach Paris zurückkamen, war es klar und kalt und schön“, steht in einer der berühmtesten Liebeserklärungen an die Stadt an der Seine, dem Roman „Paris – Ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway.

In der Folge beschreibt er seine Zeit im Paris der zwanziger Jahre, wild, versaut, lebensfroh. Sie soffen, und sie liebten sich, sie hatten wenig Geld, und sie ernährten sich wochenlang von einem billigen Camembert, der so minderwertig war, dass ein abends abgebissenes Stück bis zum nächsten Morgen wieder nachgewachsen war. Man lebte vom Schimmel, und man genoss es. So jedenfalls beschrieb es Henry Miller in „Stille Tage in Clichy“. Miller trieb es wohl noch doller als Hemingway, doch immerhin wusch er sich immer „artig den Schwanz“, bevor er sich zu einer Dame begab.

Paris war Zufluchtsort aller, die anders waren als die anderen. Homosexualität stand nicht unter Strafe, Promiskuität war gesellschaftsfähig, und allerorten gab es Mäzene, die die freien Geister finanziell unterstützten, die berühmteste unter ihnen die hünenhafte Amerikanerin Gertrude Stein. Es war die große Zeit der Bohème.

Doch auch später blieb Paris seinem Ruf gerecht. Die Nazis schafften es nicht, die Stadt einzudeutschen, fast wäre man geneigt zu sagen, sie erlagen ihrem Charme. Es folgten die fünfziger Jahre, Paris blieb Paris. Man baute Autos, schön wie die Sünde, und man hatte die Chuzpe, sie „Göttin“ zu nennen. Die DS von Citroën. Man labte sich im Klischee, mit Croissants, Baguettes, Gauloises und Gitanes, Vin rouge, Jazzclubs, Velosolex, Meeresfrüchten und billigen Hotels mit Blümchentapete und Bidet.

Das Schöne daran: Es war wahr. Bis Mitte der achtziger Jahre brauchte man nur hinzufahren und ein kleines bisschen Phantasie, und schon erlebte man sie, die Tage im Klischee. „Uns bleibt immer noch Paris“, sagt in „Casablanca“ Humphrey Bogart zu Ingrid Bergman. Es stimmte. Paris war geblieben.

Doch dann begann das Bild zu bröckeln. Hotelzimmer, Menüs und Milchkaffee wurden kaum noch bezahlbar, Wohnungen unerschwinglich, selbst Normalverdiener an den Rand der Stadt gedrängt. Das alte Paris existierte bald nur noch in Köpfen US-amerikanischer und japanischer Touristen – und neuerdings in denen von Terroristen. Die wollten einen Anschlag auf „den Hort der Sünde“ verüben, wie sie sagten. Man möchte sie fragen „Jungs, wie lange wart Ihr nicht mehr da?“

Hemingways „Paris – Ein Fest fürs Leben“ erlebte in der vergangenen Woche eine nie für möglich gehaltene Renaissance. Bei Amazon in Frankreich stand es auf Platz eins, in Pariser Buchhandlungen war es ausverkauft. Ausgerechnet durch einen Terroranschlag erinnern sich die Pariser ihrer eigenen Vergangenheit. Vielleicht sehen sie nun sogar die Krise als Chance und machen aus ihrer Stadt ein bisschen wieder das, was sie einmal war. Wenigstens ein kleines Sündenpfühlchen. Das hätten die Terroristen gewiss am wenigstens gewollt. Bonne chance!

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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