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Terrorist, dann Helfer

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Von: Arno Widmann

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Lutz Taufer beschreibt seinen Wandel in einem Buch.

Lutz Taufer gehörte zu den sechs Terroristen, die als „Kommando Holger Meins“ am 24. April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm überfielen, um die Menschen dort als Geiseln einzusetzen, einzutauschen gegen die Freilassung von 26 inhaftierten Genossen – darunter Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe.

Als weder die schwedische Polizei noch der Krisenstab der Bundesregierung mit Kanzler Helmut Schmidt bereit waren, auf die Forderung der Geiselnehmer einzugehen, erschossen sie zuerst den Militärattaché Oberstleutnant Andreas von Mirbach, legten dann überall in der Botschaft Sprengstoff aus und erschossen dann den Wirtschaftsattaché Heinz Hillegaart.

Taufer schildert seinen Weg in die APO und zum bewaffneten Kampf so, dass wohl auch die, die damals noch nicht auf der Welt waren, eine Ahnung davon bekommen können, wie ein Radikalisierungsprozess Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre verlief. Der Wahnsinn der RAF (Rote Armee Fraktion) wird deutlich und ein wenig auch, wie sehr er das Stück eines allgemeinen Wahnsinns war.

Im Gefängnis trat ihm der Staat immer wieder genauso gegenüber, wie ihn die Ideologen des bewaffneten Kampfes beschrieben. Gar zu oft verzichtete der Rechtsstaat darauf, einer zu sein. Das verzögerte den Erkenntnisprozess Taufers.

Nach dem Gefängnis – im April 1995 wurde er entlassen – wollte Taufer sich nützlich machen, ging nach Brasilien, arbeitete in Favelas. Seit 2012 lebt er in Berlin, ist Vorstandsmitglied des Weltfriedensdienstes.

Taufer macht seine außergewöhnliche Lebensgeschichte plausibel. Er erinnert daran, dass 77 Prozent der leitenden Beamten des Justizministeriums der Nachkriegszeit auch schon im Justizministerium des NS-Staates gearbeitet hatten. „Warum durfte“, fragt Taufer „die US-Army westdeutsche Häfen als Nachschubbasis nutzen? Wie konnte es sein, dass die westdeutschen Firmen Bayer und Boehringer Ingelheim ungehindert hochgiftiges Dioxin zur Produktion von Agent Orange und Napalm an die US-Chemiefirmen Dow Chemical und Monsanto lieferten?“

Er erinnert daran, dass sich 60 000 US-Veteranen des Vietnamkrieges das Leben nahmen. Mehr, als im Krieg umkamen. Wir können nicht mehr so tun, als wäre uns die Todes- und Lebensverachtung des heutigen Terrors und des Krieges gegen ihn völlig neu. 

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