Trauer in Wien: 26 Lebensgeschichten, die beendet oder beschädigt wurden, weil jemand mit seiner Lebensgeschichte nicht klarkam.
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Trauer in Wien: 26 Lebensgeschichten, die beendet oder beschädigt wurden, weil jemand mit seiner Lebensgeschichte nicht klarkam.

Terror in Wien

Warum wird ein Mensch Extremist? Diese Frage muss sich die Gesellschaft stellen

  • Viktor Funk
    vonViktor Funk
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Wie und warum wird ein Mensch zum Extremisten? Dieser Frage muss sich die Gesellschaft stellen – auch, um neue Opfer zu vermeiden. Der Leitartikel.

Keinen Klick, kein Zeitungsexemplar extra und keine zusätzliche Sendeminute ist es wert, dass der Täter von Wien das bekommt, wonach er sich so offensichtlich gesehnt hat: Aufmerksamkeit. Der Schrecken des Terrors wirkt umso stärker, je detaillierter er präsentiert wird. Deswegen sollte nach Wien das gelten, was die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern über den Mörder von Christchurch gesagt hatte: „Wir werden ihm nichts geben, noch nicht einmal seinen Namen.“

Der Name des Täters ist für die Gesellschaft, die er terrorisiert hat, belanglos. Ihre Aufmerksamkeit, ihre Solidarität und ihr Mitgefühl gehören zunächst den Menschen, deren Leben ausgelöscht wurde oder deren Leben nicht mehr so sein wird, wie es bis zum Abend des 2. Novembers 2020 war: Es sind 26 Frauen und Männer. 26 Lebensgeschichten, die beendet oder beschädigt wurden, weil jemand mit seiner Lebensgeschichte nicht klarkam.

Zu wenig Aufmerksamkeit für die Opfer

So bedeutungslos das Individuum ist, das terrorisiert, so bedeutungsvoll sind die Prozesse, die einen Menschen zu einem Terroristen werden lassen. Nichts Monströses ist in ihm und auch nichts Heldenhaftes, als das er oder seinesgleichen sich sehen. Es ist kein Geheimnis, dass jeder Extremist einen Prozess durchläuft, in dem er einen Punkt erreicht, an dem er zur Tat schreitet. Seit 9/11 werden die Biografien dieser Individuen öffentlich ausgebreitet, wie ein Fetisch. Weniger Aufmerksamkeit bekommen aber nicht nur die Opfer, weniger Aufmerksamkeit als die Täter bekommen auch diejenigen, die Tag für Tag junge Menschen – nein, hier muss man klarer werden – vor allem junge Männer abhalten, in Gewalt, in einen ihnen sinnvoll erscheinenden Kampf abzurutschen.

Seit 9/11 haben Polizei und Geheimdienste mehr und mehr Kompetenzen erhalten. Jahrelange Diskussionen über die Ausweitung der Überwachung, über die Einschränkung von Rechten normaler Menschen führte nicht nur Deutschland. Aber gab es genauso laute Diskussionen über die Erweiterung und Ausstattung von Präventionsprogrammen? Über Jugendhilfe, vernünftige Bezahlung der Sozialarbeit, bessere Ausstattung von Schulen (vor allem mit Personal), mehr Integrationshilfen? Verstehen die Gesellschaften, warum und wie jemand zum Extremisten wird? Nein.

Gehör findet meist, wer nach härteren Gesetzen ruft

Stattdessen zeigen sich nach solchen Anschlägen meist Islamophobie, Rassismus und Ausgrenzung. In Frankreich etwa wurden Präventionsarbeit nur langsam und leise implementiert, weil die Verantwortlichen in der Politik Angst haben, sie würden Zustimmung verlieren, wenn sie sich öffentlich dazu bekennen. Überhaupt ist das Thema Deradikalisierung politisch unbeliebt. Gehört wird vor allem, wer nach härteren Gesetzen ruft und droht. Hat das seit 9/11 geholfen?

Es ist auch kein Geheimnis, dass die Prozesse der Radikalisierung zwischen Rechten und Islamisten sich ähneln (im Gegensatz zu den Linken, aber das führt hier zu weit). In der Diskussion über diese Gruppen gibt es aber einen erstaunlichen Unterschied: Die einen, die Rechten, werden eher als das „eigene Problem“ einer Gesellschaft begriffen, während man bei den anderen den IS, den globalen Islamismus oder irgendwelche Prediger beschuldigt. Diese Unterscheidung sagt viel über die Ausgrenzungsmechanismen einer Gesellschaft aus.

Rechte und Islamisten teilen ihre Fixierung auf Autoritäten, ihren Hass auf „andere“. Die Individuen beider Gruppen sind da überfordert, wo das Individuum Verantwortung für sein Leben übernehmen sollte.

Es muss verhindert werden, dass Menschen zu Terroristen werden

Destruktiv zu sein ist leichter, als sich auf andere Menschen einzulassen. In ihrer Zerstörung zerstören beide Gruppen das, wozu sie nicht fähig sind. Die eigentliche Frage für jede demokratische Gesellschaft ist also, an welchen Punkten des Weges der Radikalisierung sie die jungen Männer davon abhalten könnte, andere Leben (und ihr eigenes) zu zerstören. Dass das nicht immer gelingen kann, sieht man am Täter von Wien, der in einem Deradikalisierungsprogramm war. Aber Prävention ist nicht dafür da, jegliche Gefahr auszuschalten, sondern die Wahrscheinlichkeit zu senken, dass etwas schiefgeht.

Viele Medien, viele Politikerinnen und Politiker schaffen es inzwischen, den Namen von Tätern nicht zu nennen und die Opfer zu würdigen. Der nächste Schritt ist, alles dafür zu tun, dass es weniger Opfer gibt. Es ist schwierig, sich dieser Debatte zu stellen, aber wer verhindern will, dass Menschen zu Terroropfern werden, muss verhindern, dass Menschen zu Terroristen werden. Und da ist noch viel zu tun.

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