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Kolumne

Terror ist ein Meister aus Deutschland

  • Anetta Kahane
    VonAnetta Kahane
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Der IS hat das menschenverachtende Morden nicht erfunden. Daran sollte uns nicht nur der 1. September erinnern.

Wie ein Memory-Spiel erscheinen diese Wochen. Wie ein Widerhall aus einer Zeit, die historisch gesehen gerade erst gestern war. Am 1. September 1939 hat Deutschland Polen überfallen. Damit begann der  grausamste Krieg der Menschheit. In Polen zeigten die deutschen Barbaren zuerst, wozu sie fähig waren. Herrenmenschenideologie und die Lust am Töten – mehr brauchte es nicht, um Babys zu zertrampeln, Kinder zu verbrennen, Frauen zu vergewaltigen, Männer zu erschießen und zu erschlagen. Terror ist ein Meister aus Deutschland.

Eine ältere polnische Dame erzählte vor ein paar Tagen, wie sie den Beginn des Krieges erlebt hat. Sie war damals gerade in die 2. Klasse gekommen, und die Lehrer waren für alle in der Gemeinde Respektspersonen. Wie das Bellen bösartiger Hunde klangen die Befehle der Deutschen, als sie die Schule stürmten. Sie zerrten die Lehrer aus den Klassenzimmern und stellten sie auf dem Hof in einer Reihe auf. Ihnen gegenüber mussten die Kinder antreten. Nachdem das letzte Kind zu weinen aufgehört hatte, traten die SS Männer vor und erschossen die Lehrer. Einen nach dem anderen. Die Kinder wurden gezwungen zuzusehen.

Die ältere Dame lächelte bitter: Die Deutschen und ihr Herz für Kinder. In den Vernichtungslagern erfanden sie das industrielle Morden, weil es in gewisser Weise effektiver war, emotionsloser und weniger blutig geschehen sollte. Doch hier starben nicht alle Opfer. Obgleich sich die Geschichte besonders an die Tötungsfabriken erinnert, weil sie den Zivilisationsbruch auf eine perfide Stufe der Moderne gebracht hatten, bleibt die Tatsache, dass die meisten Opfer „per Hand“ ermordet wurden. Um tausende Menschen zu töten – nicht nur mit Schusswaffen, sondern auch mit Schaufeln, Hacken, Messern – braucht es den Blutrausch, der Schreie und Gerüche überdeckt. Keine Art zu töten wurde je von den Deutschen ausgelassen. Sie waren dabei kaltblütig und heißblütig zugleich. So sagte es die polnische Dame.

Unvorstellbar die Gewalt des IS im Irak und Syrien? Vor dem Hintergrund dessen, was am 1. September 1939 begann, zeugt das Wort „unvorstellbar“ von Selbstverleugnung. Terrororganisationen wie IS und Hamas zitieren nicht ohne Grund Hitler und die Deutschen. Die Unmenschlichkeit der Dschihadisten als ein kulturelles Wesensmerkmal des Islam zu bezeichnen, ist selbstgefällig und geschichtsvergessen. Diese Mörder sind so grausam wie einst die Deutschen. Gespenstisch wirkt deshalb heute, welche Kinder aus dem Nahen Osten in Deutschland Mitleid erwecken und welche nicht, wer sich mit Waffen wehren darf oder dem Terror überlassen bleibt, und dass Russland für seine Aggression gegenüber der Ukraine, wo die Deutschen einst am meisten Blut vergossen haben, doch irgendwie Appeasement erfährt.

Frei von Empathie auch die Flüchtlingspolitik: Wer darf rein, wer ertrinkt und wie werden am Ende alle behandelt. Und schließlich die bedrückende Tatsache, dass deutsche Beamte, die sich an den Morden der Nazis vom NSU mitschuldig gemacht haben, ungeschoren davonkommen. Alles dagewesen, alles in kleine Teile zerschnitten, versteckt und verdrängt.

Memory spielen heißt, ein gutes Gedächtnis zu haben. Der Beginn des großen Schlachtens ist erst 75 Jahre her.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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