Teilnehmer eines Trauermarsches in Hanau: „Rassismus ist Gift“.
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Teilnehmer eines Trauermarsches in Hanau: „Rassismus ist Gift“.

Kolumne

Terror in Hanau – Trauer und Hoffnung

  • Anetta Kahane
    vonAnetta Kahane
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Deutschland steht am Scheideweg. Gewinnen jene, die ein modernes Land verhindern wollen? Oder siegen jene, die mit allen hier leben wollen.

In den letzten Tagen höre ich dauernd das Wort Weckruf. Es ist mir zuwider, denn es erinnert sehr an die Sprache des Dritten Reiches. Auch das Bild dahinter, das vom schlafenden deutschen Michel, der nichts mitbekommt, missfällt mir. Es suggeriert, dass die Deutschen nach den großen Ereignissen von 1945, als die Nazis besiegt waren, sich erst einmal ausruhen und ein Nickerchen machen mussten.

Die Tortur des Krieges und des Massenmords war sehr anstrengend. Vor allem diese „Reeducation“, die man ihnen hinterher zugemutet hat. Sehr ermüdend, das alles. Die Aufarbeitung mag teilweise gelungen sein, aber richtig wach war der Michel dabei wohl nicht.

Wenn die Vernunft schläft, kommen die Monster hervor. Wenn in Deutschland noch 75 Jahre nach der Befreiung solche Taten wie die von Hanau geschehen, hat die Vernunft versagt. Rassismus gehört nun schon über Jahrzehnte zum verdrängten und verleugneten Erbe des Nationalsozialismus, genau wie der Antisemitismus. Beides ist nicht einfach verschwunden, nur weil die Deutschen von der Wiedergutwerdung zu erschöpft waren.

Die üblichen Sprüche der Politik funktionieren nicht mehr 

„Die Deutschen“ zu sagen geht natürlich nicht. Seit den Morden von Hanau habe ich etwas anderes wahrgenommen, etwas, das sich von den Reaktionen über die vorausgegangenen 189 Morde unterscheidet. Die üblichen Sprüche aus der Politik funktionieren nicht mehr. Sehr viele Menschen sind entsetzt und sagen es überall – auf der Straße und in den Medien. Sie verlangen nach Klarheit, nach der langen Zeit von Schwurbeleien und Abwehr.

Es sind heute nicht mehr die 1990er Jahre, als ein Kanzler Kohl die Aufforderung, zur Beerdigung der Toten von Solingen zu kommen, noch abfällig mit der Bemerkung, man wolle keinen Beileidstourismus, ablehnen konnte. Es ist nicht mehr die Zeit, als nicht daran zu denken war, dass „Ausländer“ jemals Teil einer deutschen Normalität und Identität sein würden. Damals schien selbst das Gesetz, das die Staatsbürgerschaft nach der Herkunft des Blutes definierte, unumstößlich.

Deutschland sieht nicht mehr aus wie in den 1950ern und den dann folgenden Jahrzehnten. Es ist nicht einmal mehr so, wie vor zehn oder fünf Jahren. Es hat sich anders verändert, als es die Floskelwörter vom „bunten“ und „weltoffenen“ Land ausdrücken können. Zwar ist Deutschland noch meilenweit entfernt davon, wirklich wach zu sein, doch die Aufmerksamkeit für den lange ignorierten und tolerierten Rassismus in der Gesellschaft erreicht jetzt sogar die „Mitte“.

Deutschland vor dem Scheideweg 

Jetzt wird laut und sehr deutlich darüber gesprochen. Das ist neu. Die vielen Toten zuvor haben das nicht auszulösen vermocht. Das Klagen der Betroffenen rassistischer Gewalt, die Hinweise auf das Riesenproblem mit dem Rechtsextremismus seit nunmehr drei Jahrzehnten, all das hat nur wenig bewegen können.

Jetzt scheint es anders zu sein. Die Menschen wollen nicht, dass die Rechtsradikalen gewinnen. Sie wollen, dass auch die Politik das gewachsene Selbstverständnis Deutschlands anerkennt. Mit allen, die hier jetzt und künftig hier leben.

Die Frage ist, wer hat die Mehrheit? Diejenigen, die sich aufbäumen gegen die Tatsachen des modernen Deutschland und es mit aller Gewalt rückgängig machen wollen? Oder doch jene, deren Trauer, Wut und Empörung endlich überall zu hören ist? Das wäre wenigstens eine Hoffnung inmitten der Trauer.

Von Anetta Kahane

Erst Hanau, dann Volkmarsen: Jetzt muss es darum gehen, Menschenfeindlichkeit in jeder Form zu bekämpfen. Ein Kommentar von Pitt von Bebenburg.

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