Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

In Sachen Bildung und Forschung in der EU wurde zwar schon einiges getan, es muss aber nachgebessert werden.
+
In Sachen Bildung und Forschung in der EU wurde zwar schon einiges getan, es muss aber nachgebessert werden.

Forschung in der EU

Teilhabe für alle

  • vonErnst Dieter Rossmann
    schließen

Bei Bildung und Forschung hat sich in der EU einiges getan. Doch es muss nachgebessert werden – sonst ist die Union selbst in Gefahr. Ein Gastbeitrag.

Wenn in diesen Tagen Portugal den Vorsitz in der EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, wird sich mancher an das Jahr 2000 mit seiner sogenannten Lissabon-Strategie erinnern. Das Ziel war damals, Europa zum führenden Wirtschaftsraum der Welt mit einer besonderen Intensität an Wertschöpfung durch Wissenschaft und Forschung zu machen. Eine erste Evaluation dieser Innovationsstrategie im Jahr 2004 durch eine Kommission unter dem früheren niederländischen Ministerpräsidenten Wim Kok machte dann sehr schnell deutlich, dass eine solche Wertschöpfungsstrategie ohne eine gezielte und zugleich breit angelegte Unterstützung durch Qualifizierung und Bildung keine Nachhaltigkeit haben kann.

Wo steht die Europäische Union jetzt, 20 Jahre danach und schwer erschüttert durch den Austritt eines so bedeutenden Landes wie des Vereinigten Königreichs? Was hat die deutsche Ratspräsidentschaft hier an Portugal und Slowenien für das Jahr 2021 an Chancen und Problemen übergeben?

Auch wenn bei dem wichtigsten Bildungsprogramm der Europäischen Union, dem legendären Erasmus-Programm, nicht alle Blütenträume eines verdreifachten Finanzvolumens gereift sind, eröffnet die Steigerung der Mittel um rund 80 Prozent auf mehr als 26 Milliarden Euro für die kommenden sieben Jahre große Gestaltungsspielräume, die jetzt ausgefüllt werden können. Mit einer deutlichen Steigerung für die Mobilität junger Auszubildender, die bisher krass diskriminiert waren gegenüber dem akademischen Austausch, muss hier ein Zeichen gesetzt werden. Die bessere Ausstattung der europäischen Hochschulnetzwerke nach der ersten dreijährigen Anlaufphase wird möglich werden. Mit der Ankündigung, 25 Erasmus-Akademien zur Qualifizierung von Lehrenden in Europa aufzubauen, hat die Kommission schon eine wichtige weitere strukturelle Neuerung angekündigt. Auf dem Weg zum „Europa–Lehrer“ für die Zukunft kann dieses ein großer Trittstein werden.

Nicht zuletzt wird eine Lösung für die weitere Assoziierung von Großbritannien und anderen Ländern zum Erasmus-Programm zu finden sein. Der radikale Abschied der konservativen Johnson-Regierung aus diesem Schlüsselprogramm für eine gemeinsame Jugend in Europa schmerzt sehr. Hier muss jetzt schnell eine EU-weite Anschlussregelung gefunden werden, die Europa, seine gemeinsame Zukunftsidentität und die Zukunftschancen für die nächste Generation in den Mittelpunkt stellt. Das sollte sich Europa auch etwas kosten lassen. Die Erasmus-Idee ist zu stark, als dass sie an der Halsstarrigkeit und Pfennigfuchserei eines auf Zeit gewählten Premierministers langfristig Schaden nehmen sollte.

Wie kleingeistig die Brexit-Agenda hier verfolgt worden ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Großbritannien an den fünf Programmen im Forschungsbereich weiter teilnehmen wird, und das verbunden mit einer kontinuierlichen finanziellen Beteiligung der Briten. Tatsächlich hat Großbritannien auf Grund seiner Forschungsstärke hier ja auch materiell profitiert. Dass die Forschungskooperationen bei aller Rosinenpickerei bestehen bleiben, ist auch deshalb so wichtig, weil die europäische Forschungsförderung weitere Brüche nach den enttäuschenden Ergebnissen der Verhandlungen zum nächsten Sieben-Jahres-Forschungsbudget der EU kaum vertragen hätte.

Aber am Status quo wird Europa nicht stehen bleiben dürfen. Vor allen Dingen muss in der EU–Politik für Forschung und Innovation endlich angegangen werden, dass sich in der Teilhabe aller europäischen Partner am Wachstum von Forschung und Innovation in Europa in den 20 Jahren seit der Lissabon-Strategie nichts Wesentliches verändert hat. Trotz eines Plus von 0,35 Prozent liegen die EU-Länder in ihrer Gesamtheit mit rund 2,2 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt für Forschung und Innovation immer noch weit vom Drei-Prozent-Ziel entfernt. Noch immer ist die Schere zwischen den forschungsstarken und den forschungsschwächeren Ländern nicht geschlossen. 21 von 27 Mitgliedsländern liegen nach den neuesten Eurostat-Zahlen unter dem Durchschnitt, acht von 27 unter einem Prozent.

Hier braucht es jetzt einen durchgreifenden Konvergenzplan und eine Aufbau-Agenda, damit diese Spaltung zwischen Nord und Süd und zwischen Zentrum und Peripherie endlich geschlossen wird. Das für sieben Jahre vorgesehene Gesamtbudget von über 100 Milliarden Euro im Rahmen des Programms „Horizon Europe“ und des Zusatzprogramms „Next Generation“ wird hierfür nicht reichen. Da wird im Prozess der nächsten Jahre noch mehr dazukommen müssen. Denn wenn die Realität und das Erleben von Fortschritt in Europa auseinanderfallen, gerät auch das welthistorisch einmalige Projekt der Gemeinschaft selbst in Gefahr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare