Kolumne

Teil einer Massenbewegung

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Handball ist fairer, härter als Fußball und die Spieler haben mehr in der Birne. Glauben Sie nicht?

Eigentlich, so könnte man meinen, gibt es zwischen Handball und Fußball keine größeren Unterschiede. Ob das Runde nun mit der Hand oder mit dem Fuß ins Eckige gedroschen wird, sollte ja nicht viel ausmachen. Tut es aber.

Erinnern wir uns doch mal weit zurück. Die einen schrieben mit Geha-, die anderen mit Pelikan-Füllern. Die einen spielten mit einer Märklin-, die anderen mit einer Trix-Eisenbahn. Tja, und die einen Fuß- und die anderen Handball. Schnittmengen gab es da kaum, denn es handelte sich bei der Wahl der Schreib- und Spielgeräte nicht um wohlüberlegte Entscheidungen, sondern den Ausdruck einer grundsätzlichen, eher unterbewussten Lebenseinstellung.

Sie spielte auch später immer wieder eine Rolle. Levis oder Wrangler, PC oder Apple, Bier oder Wein, Meer oder Berge, die meisten Menschen kennen bei diesen Fragen kein Sowohl-als-auch.

Eine Ausnahme dieser Regel lässt sich dieser Tage beobachten. Die Weltmeisterschaft der Handballer findet in Deutschland und Dänemark statt – und Seltsames geschieht. Mal wieder fiebert die Nation, doch alles ist anders. Selbst nach großen Siegen der hiesigen Truppe schieben sich keine hupenden und „Doitschland“-grölenden Massen in Autokolonnen durch die Städte.

Weder an tiefergelegten BMWs noch an gardinenbewehrten Fenstern hängen schwarz-rot-gelbe Fetzen, in den Kneipen keine tapetengroße Bildschirme und in deren Pissoirs keine kleine Handballtore. Obwohl ARD und ZDF zur besten Sendezeit übertragen und gewaltige Quoten erzielen – das Volk verhält sich merkwürdig besonnen. Woran das liegt? Ganz einfach. Handball ist anders.

Obwohl ich mir mit der folgenden Aussage selbst einen Strick drehe, wage ich zu behaupten: Handballer haben mehr in der Birne als Fußballer. Das fiel mir schon früher auf. Bei uns im Fußballverein versammelten sich die hohlsten Dumpfbacken, die Handballer hingegen waren fast allesamt Feingeister. Und heute? Kein Nationalspieler stammelt in Interviews leeres Gebrabbel, keiner beginnt seine Sätze mit „ich denke“ oder „ich glaube“, um mit abgedroschenen Phrasen fortzufahren, wie es Fußballer nahezu alle tun. Auch der Bundestrainer verwendet nicht alle drei Sekunden das Adjektiv „wahnsinnig“.

Und im Spiel? Handball ist viel härter als Fußball. Die Spieler hätten bedeutend mehr Anlass, sich nach jedem Foul herumzuwälzen, als hätte ihr letztes Sekündchen geschlagen. Auch der Torjubel fällt glaubwürdiger aus. Keine Saltos, keine Bekreuzigungen, kein Daumenlutschen angedenk des jüngsten Befruchtungserfolgs. Apropos: Die „Spielerfrauen“ sind ganz normale Frauen und keine zu Supermodels hochgejazzten Vorstadtfriseusen.

Dass das Verhältnis zu den Kontrahenten fairer, freundschaftlicher, also sportlicher als im Fußball ist, lässt sich nicht nur beim obligatorischen Abklatschen nach dem Spiel erahnen. So was färbt ab aufs Publikum.

Der Handball kennt keine rassistischen Schmährufe. Da schmeißt niemand Pyros, da werden gegnerische Fans weder durch beleidigende Transparente beleidigt noch verprügelt. Handballgucken ist auch nicht untrennbar mit dem maßlosen Genuss von Bier verbunden. Das geht auch gut nüchtern. Kurzum: Wenn dieser Boom so bleibt, werde ich erstmals im Leben Teil einer Massenbewegung.

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